"Kein Verlag, der nicht bei uns verkauft"

13. April 2011, 18:05
27 Postings

Thalia-Österreich-Chef Josef Pretzl über E-Books, Expansion und Einkaufsmacht

Wien - Josef Pretzl sieht im digitalen Buch ein riesiges Geschäft heranwachsen, es verweigere die Re- alität, wer daran noch zweifle. Seien die kommerziellen Machtspiele im Hintergrund einmal geklärt, komme wie das Amen im Gebet ei- ne Masse an Lesegeräten und totale Titelvielfalt. Dass viele zugleich das Ende des gedruckten Buches ausrufen, rege ihn jedoch auf, "das ist einfach verantwortungslos."

Pretzl ist Chef von Thalia Österreich; der Buchhandelsriese führt hierzulande 35 Filialen, heute eröffnet in Linz die 36. In dieser Frage gehe es nicht um ein Entweder- oder. Es werde ein Nebeneinander geben, glaubt er, für das der stationäre Handel jedoch neue Wege gehen müsse. Durch Inszenierungen etwa, denn Einkaufen werde mehr denn je zur Freizeitgestaltung.

Bisher blieb die digitale Revolution aus - nicht einmal ein Prozent des Umsatzes wird mit E-Books erzielt. Pretzl sieht es jedoch nur als eine Frage der Zeit, bis die Sparte für Thalia zum großen Standbein werde. Es müsse sich dafür allerdings auch bei den von den Verlagen festgesetzten Preisen was tun. Digitale Bücher gehörten um zehn bis 15 Prozent billiger verkauft als gedruckte, "das ist vertretbar".

Thalia hat den deutschsprachigen Buchmarkt mit 300 Läden und 900 Millionen Euro Umsatz fest im Griff. In Österreich setzte der Konzern 2009/10 knapp 141 Millionen um. Der Zuwachs von 7,4 Prozent sei auf vergleichbarer Fläche passiert, und man habe nicht nur im Online-Verkauf zugelegt.

Wie viel Thalia übers Internet absetzt, schlüsselt das Unternehmen nicht auf; der Anteil ist zweistellig. Erst Anfang April stockte die Douglas-Tochter international ihren Anteil am Webhändler buch.de auf 75 Prozent auf. In Österreich wurde fürs Online-Geschäft kürzlich ein eigener Geschäftsführer geholt. Pretzl: "Der Wettbewerb findet im Internet statt, hier investieren wir."

Hart unter Druck sehen sich viele Verlage durch die Einkaufspolitik des Marktführers. Die Rede ist von Knebelverträgen und überzogenen Rabattforderungen, auch davon, dass sich der Konzern prominente Platzierung teuer abkaufen lassen. Die Kür zum "Buch des Monats" etwa soll mitunter mehrere zehntausend Euro kosten.

Pretzl weist das in dieser Form zurück und spricht von professioneller Partnerschaft mit den Verlagen. Klar sei aber, dass der Handel Marketing nicht allein stemmen könne, es gehöre gemeinsam abgestimmt und finanziert. Dass gute Listung für kleine Verlage unleistbar sei, stimme nicht. Thalia habe breiteste Angebote, lege Wert auf Regionalität, "ich kenne keinen Verlag, der nicht bei uns verkauft".

Thalia eröffnet heuer am Wiener Westbahnhof und ist auch am Südbahnhof fix an Bord Dem einstigen Aufruf der Kette an Verlage, neue Filialen in Deutschland mitzufinanzieren, sei keiner gefolgt. "In Österreich war das nie Thema." (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe 14.4.2011)

  • Pretzl: Der Wettbewerb findet online statt.
    foto: thalia

    Pretzl: Der Wettbewerb findet online statt.

Share if you care.