Der Liebeshauch des Todes

13. April 2011, 17:10
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Gemeinsam mit den Musikern Peter Rehberg und Steve O'Malley präsentiert die Künstlerin Gisèle Vienne ihr Stück "Kindertotenlieder"

Krems - Gisèle Viennes Stück Kindertotenlieder ist das Gegenteil von spaßig, und es wurde schon als "theatrale Séance" bezeichnet. Beim Donaufestival kann erlebt werden, wie darin Bilder driften, die aus Horrorfilmen, Dark-Metal-Träumen und dunklen Riten stammen könnten. Der rasende elektronische Sound dazu, der vage an der Struktur des berühmten Liederzyklus mit demselben Titel von Gustav Mahler orientiert ist, stammt vom Duo KTL, das sind Stephen O'Malley und Peter Rehberg.

Auch hier hat die Künstlerin mit dem amerikanischen Autor und Kritiker Dennis Cooper zusammengearbeitet, wie bereits bei I Apologize und dessen Fortsetzung Une belle enfant blonde / A young, beautiful, blond girl, dem intimen Solo Jerk - und bei der wuchtigen Apokalypse des Rucksacktourismus This is how you will disappear, die im Vorjahr beim Steirischen Herbst zu sehen war.

Coopers Text weht durch die Schneelandschaft der Kindertotenlieder und um die darin taumelnden oder starr verharrenden Figuren wie den streng riechenden Liebeshauch des Todes. Ins Frösteln und Schwitzen geraten die Zuschauer, wenn ihnen die Französin mit österreichischen Wurzeln etwas vorspielt. Die 35-Jährige ist eine Spezialistin für die Inszenierung des Unheimlichen auf der Bühne.

Gisèle Vienne hat in Paris Philosophie studiert, in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre an der École Supérieure Nationale des Arts de la Marionette eine Ausbildung im Puppenspiel absolviert und 1999 ihre eigene Compagnie, De l'Autre Côté du Miroir (DACM) gegründet. Die Puppe ist in den Kindertotenliedern ein tragendes Motiv, als Vergegenwärtigung und Echo des Toten im Menschen.

Wie ihre Puppen, so sind die Stücke der vielgelobten Künstlerin perfekt gearbeitet. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, selbst wo das Chaos losbricht, halten Struktur und Form wie die eines Fensters, hinter dem ein Mord geschieht.

Vienne, die heute in Grenoble und Paris lebt, bringt sich auch in das Medium Film ein. So spielt eine von ihr geschaffene Puppe in Sablé-sur-Sarthe von Paul Otchakovsky-Laurens mit. Sie selbst taucht in Arbeiten des Regisseurs Patric Chiha als Schauspielerin auf. Zuletzt in Domaine, wo sie ihr choreografisches Talent einsetzte, das bereits bei ShowRoomDummies aus dem Jahr 2001 erkennbar war, diesem Verschiebebahnhof dämonischer Bilder, in denen Körper wie Gummifetische stolzieren, zu Tableaux vivants erstarren und von Puppen nicht mehr unterscheidbar sind.

Erstmals in Österreich waren ihre Arbeiten - entstanden damals in Kooperation mit Étienne Bideau-Rey - im Tanzquartier Wien zu sehen: ShowRoomDummies und Stéréotypie. Bezugnehmend auf Sigmund Freuds Erkundung des Unheimlichen, spielt Gisèle Vienne nicht mit dem Schrecklichen selbst, sondern mit dessen Verarbeitung in Bildern, Musik, Film und Video der Popkultur, des Entertainments und der Medien.

Stylishe Oberflächen

Sie betreibt eine Vivisektion pathetischer Inszenierungen unter Beibehaltung ihrer stylishen Oberflächen, die sie dehnt, verformt und zu ihrer eigenen Ästhetik verschmilzt. Die furchteinflößenden Verkleidungen der Perchten und Motive aus dem Pop treffen in Kindertotenlieder aufeinander - künstliche und lebendige Körper aus verschiedenen Dimensionen populärer Kultur, die an die hochkulturelle Komposition Gustav Mahlers streifen und deren hochstilisierte Bedeutung inhalieren.

Das bewusste Arbeiten mit all diesen Ebenen der Repräsentation lässt die Etikettierung des Stücks mit "Séance" als viel zu kurz gegriffen erscheinen. Denn der eigentliche Genuss an Viennes Arbeiten stellt sich erst bei Beobachtung der von ihr verwendeten Zitate, Assoziationen und Stereotype ein. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe 14.4.2011)

  • Folkore und Schrecken gehen oft Hand in Hand. Gisèle Vienne präsentiert 
"Kindertotenlieder" beim Donaufestival.
    foto: donaufestival

    Folkore und Schrecken gehen oft Hand in Hand. Gisèle Vienne präsentiert "Kindertotenlieder" beim Donaufestival.

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