Aber manche Sprachen sind gleicher

13. April 2011, 16:57
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Die Debatte um Türkisch als Matura-Fach wirft die Frage auf, warum manche Sprachen gleicher sind als andere

"Čovjek vrijedi onoliko, koliko jezika zna", besagt ein im ex-jugoslawischen Raum verbreitetes Sprichwort. Zu Deutsch: "Der Wert eines Menschen bemisst sich an der Anzahl der Fremdsprachen, die er spricht". Das soll nicht bedeuten, dass ein monolingualer Mensch wertlos ist, sondern dass die Kenntnis jeder weiteren Fremdsprache einen Wert darstellt, und dass es keine überflüssigen Fremdsprachen geben kann.

Der Kopf - ein begrenzter Hohlraum?

Die Praxis des Lehrens und Lernens von Fremdsprachen nimmt sich jedoch anders aus. In der politischen Bildungsdebatte dominiert nach wie vor die Vorstellung, der Kopf eines Lernenden sei ein begrenzter Hohlraum oder eine Schüssel, in die nur eine bestimmte Anzahl von Sprachen hineinpasse. Die Sprachen würden sich darin gleichsam auf die Füße treten und den Platz streitig machen. Deshalb will wohl überlegt sein, welchen Sprachen der Zutritt zum Kopf gewährt wird. Wirtschaftlich nützlich, weit verbreitet und von hohem Prestige sollen die in der Schule unterrichteten Fremdsprachen sein, so der Grundtenor.

Emotional beladene Sprachdebatte

Vor diesem Hintergrund werden Pläne, Türkisch oder Bosnisch-Kroatisch-Serbisch (BKS) als Fremdsprache in den Regelunterricht aufzunehmen, durchaus emotional diskutiert. FPÖ und BZÖ wittern drohende Parallelgesellschaften, sollte Türkisch ein Maturafach werden. Die Befürchtung ist nachvollziehbar, wenn man davon ausgeht, dass Türkisch-Kenntnisse das Deutsche verdrängen oder verhindern könnten.

Verabschiedet man sich jedoch vom Hohlraum-Modell des Schülerkopfes und konzentriert sich stattdessen auf Synergieeffekte beim Erlernen mehrerer Sprachen, kann man nicht umhin, sich zu wundern, warum die Einführung dieser Fremdsprachen erst jetzt diskutiert wird. Das sprachliche Potenzial unter den Schülern ist gegeben, ebenso die wirtschaftlichen Beziehungen zum Balkan und zur Türkei, und das Türkische weist immerhin 90 Millionen Sprecher auf, von einer kleinen Sprache kann in diesem Fall also nicht die Rede sein.

BKS als zweite Fremdsprache in der HAK

Eine Schule will es nun genau wissen: Ab Herbst 2011 werden die Schüler der Handelsakademie des bfi in Wien die Möglichkeit haben, BKS als zweite Fremdsprache zu wählen, neben Italienisch und Französisch. Lehrer Karl Pleyl erzählt: "Bislang haben sich vor allem Schüler aus gemischtsprachigen und bildungsnahen Familien gemeldet. Das Angebot steht allen Schülern offen, auch solchen, die keinerlei Vorkenntnisse in BKS haben." Die Ambivalenz, ob BKS nun eine Sprache ist oder drei Sprachen sind, soll laut Pleyl kein Hindernis darstellen: „Wir sind uns der Unterschiede und der Varietäten bewusst, haben uns aber für einen integrativen Zugang entschieden und wollen uns von keiner Seite vereinnahmen lassen. Im Unterricht wollen wir alle drei Varietäten darstellen, den Schülern also auch die kyrillische Schrift beibringen, die fast ausschließlich nur noch von Serben verwendet wird."

BKS Ja, Türkisch Nein?

Auch eine andere Frage hat Pleyl schon oft gehört, nämlich die, warum das, was für BKS recht ist, nicht auch für Türkisch billig sein kann. Pleyls Überlegungen dazu: „Diese Frage kann auch ein Totschlagargument sein, sodass schließlich nichts weitergeht, aus Angst, jemand könnte sich übergangen fühlen. Wir haben uns gedacht, irgendwo muss man anfangen, und BKS hat sich angeboten, weil es eine einschlägige Lehramtsausbildung gibt, was beim Türkischen nicht der Fall ist."

Gordana Ilić-Marković vom Institut der Slawistik an der Universität Wien ortet bei dieser vorläufigen Ungleichstellung auch andere zugrundeliegende Faktoren: „Das fehlende Türkisch-Lehramt ist das einzige nicht polemisierende Argument. Aber man kann sich ja auch fragen, warum es noch immer kein Lehramt für Türkisch gibt, was steckt dahinter? Ich denke, die Erinnerung an die Monarchie spielt auch eine Rolle, die serbokroatische Sprache ist Teil der österreichischen Geschichte und wird mit einem christlichen Kulturkreis im weitesten Sinne assoziiert. Die türkische Sprache hingegen wird ausschließlich mit Migranten in Verbindung gebracht. Es gab zwar auch die Türkenbelagerung, aber ich denke nicht, dass das noch in der kollektiven Erinnerung präsent ist."

Selbstvertrauen, Wirtschaftskompetenz, Integration

Ilić-Marković arbeitete selbst 15 Jahre lang an der HAK des bfi und wurde vom Direktor im Vorfeld der Einführung als eine von mehreren Experten zu diesem Thema konsultiert. Sie ist überzeugt, dass die Muttersprache die Voraussetzung für das Erlernen weiterer Sprachen ist: „Das Erlernen und Weiterführen der Muttersprache behindert nicht, sondern beschleunigt und fördert die Festigung anderer Sprachen".

Pleyl sieht das Angebot von BKS als zweite Fremdsprache im Kontext anderer Bemühungen der Schule, die Jugendlichen für andere Länder und Kulturen zu sensibilisieren: „Wir betreiben intensiven Austausch mit Schulen und Firmen in Südosteuropa und helfen unseren Schülern, Ferialpraktika etwa in Tschechien, Ungarn, der Slowakei, Bosnien und Herzegowina, Kroatien oder Serbien zu absolvieren." Selbstvertrauen, Wirtschaftskompetenz und ein Signal in Richtung Integration soll die Erweiterung und Diversifizierung des Sprachangebots an der Schule bringen, hofft Pleyl. "Man wird sehen, wie es in der Praxis funktioniert. Ziel ist, die bestehenden sprachlichen und kulturellen Ressourcen zu nutzen und ins Positive zu wenden." (Mascha Dabić, 13. April 2011, daStandard.at)

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    Türkisch lernen geht nicht auf Kosten anerkanner Sprachen!

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