Ethik für das atomare Zeitalter

Atomcalypse Now?

Patrick Spät, 13. April 2011, 14:05

Es gibt nur zwei Wesen, die ihre eigene Lebensgrundlage zerstören: Viren und Menschen

Die Atomkatastrophe in Japan bildet eine tief gehende Zäsur: Die Menschheit hat mit dem Feuer gespielt - und sich verbrannt. Doch scheut das gebrannte Kind das Feuer? Nicht wirklich. Noch während der Katastrophe kündigen Russland, China und Indien an, weitere AKWs bauen zu wollen. Was tun? Wir brauchen eine "Ethik für die technologische Zivilisation" - so der Untertitel eines der wichtigsten Philosophie-Bücher des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 1979 hat der Philosoph Hans Jonas sein Werk "Das Prinzip Verantwortung" veröffentlicht. Spätestens jetzt sollte dieses fast vergessene Buch auf dem Nachttisch der Menschheit liegen.

Die Zukunft hat keine Lobby

Die Menschheit ist an einem Punkt angelangt, an dem sie sich ihre eigene Lebensgrundlage zerstören kann und dies immer häufiger auch tatsächlich tut. Deshalb fordert Jonas eine „Zukunftsethik", die das Roulette-Spiel mit ungewissen Risiken eindämmt. Das Problem: Die Zukunft ist schlichtweg noch nicht da. Und deshalb hat sie, im Gegensatz zu den Energiekonzernen, keine Lobby. Denn solange die AKWs reibungslos funktionieren, kämpft man gegen Windmühlen. Wo kein Super-GAU ist, da ist auch keine Gefahr. Diese Logik gilt es aufzubrechen. Wir müssen der möglichen Katastrophe Gehör verschaffen. Zumal die Energiekonzerne weiterhin verkünden, dass ihre Atomkraftwerke absolut sicher seien und dass Japan eine bedauerliche Ausnahme sei. Aha. Wie beruhigend.

Panik-Mache? German Angst? Nein. „Der schlechten Prognose den Vorrang zu geben gegenüber der guten, ist verantwortungsbewusstes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen. Denn man kann ohne das höchste Gut, aber nicht mit dem höchsten Übel leben", wie Jonas treffend feststellt. Ein Beispiel: Stellen wir uns die Folgen der Kernenergie als eine Art Glücksspiel vor, bei der sich die Wetteinsätze darin erschöpfen, dass wir Energie im Überfluss haben oder dass die gesamte Erde radioaktiv verseucht ist. Auf den Energie-Überfluss können wir verzichten. Mit dem höchsten Übel leben können wir nicht.

Denkt an Murphy

Wir brauchen eine pragmatische "Vermeidungsethik". Wenn uns die Risiken einer Technik bekannt sind, dann müssen wir stets das höchste Übel für möglich halten. Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es auch schief: Nach "Murphy's Law" müssen die AKWs weltweit schleunigst vom Netz. Regierungen und Wirtschaftskonzerne müssen Verantwortung übernehmen. Was heißt das überhaupt? "Verantwortung ist die als Pflicht anerkannte Sorge um ein anderes Sein", so Jonas.

Wenn wir einen Menschen in Not sehen, dann gebietet uns die Situation, dass wir alles Erdenkliche tun, um diesem Menschen zu helfen. Wer die Verantwortung verweigert, wird der "unterlassenen Hilfeleistung" angeklagt. Nun, die vom Menschen ausgeschlachtete Natur ist offensichtlich in einer solchen Notlage. Die Menschheit macht sich kollektiv der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Hätte die Natur eine Stimme, so würde sie mannigfach Strafanzeige gegen uns erstatten.

Jonas‘ Philosophie gipfelt in der Formulierung eines erweiterten Kategorischen Imperativs: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." Ausschneiden, aufhängen, beherzigen! Dieser Imperativ sollte die weltweite Atomdebatte begleiten. Jedes AKW und jede Atombombe ist eine Bedrohung für den Fortbestand der menschlichen Spezies ... wir sollten es besser machen als die Viren. (derStandard.at, 13.4.2011)

Autor

Patrick Spät, The European, studierte Philosophie, Soziologie und Literaturgeschichte. Ist Mit-Herausgeber von zwei philosophischen Büchern "Zur Zukunft der Philosophie des Geistes" (2008) und "Post-Physikalismus" (2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 51
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LadyDoolittle
00
16.4.2011, 18:17
Jedes AKW und jede Atombombe ist eine Bedrohung für den Fortbestand der menschlichen Spezies

und jedes Fass Atommüll.

Angaben der World Nuclear Association:

300.000 t HOCHRADIOAKTIVER Abfall weltweit, davon 70.000 t USA. In Europa sind bis 2010 140.000 t angefallen.

Im Jahr 2010 lagen Angaben vor, dass Jahr für Jahr 12.000 Tonnen hochradioaktiver Abfälle entstehen.

Durch den Boom von neuen AKW wird sich diese Menge wesentlich erhöhen.

1116er
00
14.4.2011, 15:41
was tun?

die auf der hand liegende lösung wäre:
externe kosten müssen in der preiskalkulation berücksichtigt werden.

bei vielen produkten scheitert dieses konzept an der praktischen umsetzung, weil es eine riesige menge an vorschriften, ausnahmen usw. geben müsste.

aber es gibt einige wenige bereiche, die besonders perfid ihre externen kosten künftigen generationen (z.t. in ferner zukunft) aufhalsen.
zb atomkraft, aber auch fossile energieträger und einige andere.

für diese bereiche müsste das einkalkulieren der externen (zukünfitigen) kosten zur pflicht werden.
resultat: sie wären nicht mehr konkurrenzfähig und würden durch andere, verträglichere methoden (die weniger schaden anrichten) ersetzt werden.

1116er
00
14.4.2011, 15:36
Es gibt nur zwei Wesen, die ihre eigene Lebensgrundlage zerstören: Viren und Menschen

stimmt fast.

der kleine unterschied:
wenn ein virus sich seine eigene lebensgrundlage zerstört hat, dann findet es oft einen neuen wirt.

welchen planeten wird der mensch finden, wenn er sein werk 'vollendet' hat?

FAIL
11
14.4.2011, 10:49
Es gibt nur zwei Wesen, die ihre eigene Lebensgrundlage zerstören: Viren und Menschen

so ein ausgemachter bullshit ...

Sponsored by Old Folks
00
14.4.2011, 11:54

ja, ärgerlicher quatsch, genau wie das argument der kuhmilch-skeptiker: kein tier trinkt die milch anderer - ABER WENN SIE KÖNNTEN, WÜRDEN SIE.

x aeins
00
13.4.2011, 23:28

Das ist Rufschädigung der Viren. Die leben mit dem homo sapiens längst im Gleichgewicht und hüten sich, ihn auszurotten - wozu auch?

supanackter
00
13.4.2011, 19:29
Nur Viren und Menschen ...

Zuallererst ist zu fragen, was der Autor unter "Wesen" versteht, denn Lebewesen im eigentlichen Sinne sind Viren nicht, sie besitzen zB keinen eigenen Stoffwechsel.
Und zweitens gibt es eine Menge Parasiten, die ihre Wirtsorganismen - und damit ihre Lebensgrundlage - zerstören.

x aeins
00
13.4.2011, 23:34

er zerstört aber nur einzelne, aber fast nie das Reservoir von dem er lebt
auch die Pest ist immer von selbst erloschen, noch lang vor dem Penicillin

ferdo
01
13.4.2011, 19:02

"Die Menschheit ist an einem Punkt angelangt, an dem sie sich ihre eigene Lebensgrundlage zerstören kann."

Dieser Punkt ist schon seit 50 Jahren erreicht....und?
Der Mensch schafft Lösungen für Probleme, die selbst wieder 50 neue Probleme schaffen.

sotho talker
 
31
13.4.2011, 17:46
Doch scheut das gebrannte Kind das Feuer?

der satz ist ein gutes beispiel. wenn etwas hinreichend nützlich ist verzichten die menschen nicht darauf. war beim feuer nicht so und wird auch bei der atomkraft nicht so sein.

stellen wir uns ruhig eine debatte unter frühen hominiden vor. die pro feuer verwender und die anti feuer vetreter.

nach gut 200000 jahren erfahrung hat sich die ansicht geändert. feuer ist noch immer gefährlich. aber wir haben damit umgehen und leben gelernt.

genauso werden wir mit atomkraft umgehen und leben lernen. außer sie erweist sich nicht als nützlich bzw. andere methoden als nützlicher.

zurzeit haben wir keine methoden mit besserer gesamtbilanz über alle faktoren

Heavyweather
00
15.4.2011, 01:39

Wir haben kaum eine Technologie mit schlechterer "Gesamtbilanz".

Die Energiebilanz ist verheerend gegenüber Fossilen und Erneuerbaren.
Die Umweltbilanz ebenfalls.
Auch mit Wind erreicht man eine bessere CO2 Bilanz.

Haushoch gewinnen da neue Windtechnologien...
Stichwort EROIE
https://www.facebook.com/pages/Kit... 3033232738

x aeins
00
14.4.2011, 11:03

Kamerad dir fehlt eine Dimension bei deinen Gedanken: reversibel versus irreversibel, bezogen auf die Lebensdauer. Wenn du samt deinem Haus abbrennst, betrifft das in 2 Generationen niemanden mehr. Wenn du in 100 000 Jahren wiederkommst siehst du aber, dass hier Substanzen vorhanden sind die die Natur nicht erzeugt haben kann und die in höherer Konzentration sehr lebensfeindlich sind. Ist das für dich ein Argument?

sotho talker
 
00
14.4.2011, 14:08
woher haben sie die zahl von 10000 jahren?

die meisten isotope haben eine halbwertszeit von ca 30 jahren (oder weniger), heißt nach 300 jahren ist die sache vorbei.

bleibt der reaktor und die brennstäbe selber die nach entsprechend langen kühlphase entsorgt werden müssen. aber das müssen sie bei normalen abfällen auch.

noch was: wie kommen sie darauf die natur "kann derartige substanzen nicht erzeugen"? natürlich kann sie hat sie schon solche sachen erzeugt.

x aeins
01
14.4.2011, 15:13

Kollege du kennst dich net aus: bei vom Menschen erzeugten Kernprozessen entstehen Nuklide die auf natürlichem Weg NIEMALS entstehen könnten. Und selbst wenn ich Pu239 weglasse und bei deinen "30 Jahren" bleib: wieviel von dem Zeug wird da produziert (Endlager oder Unfälle),wenn ich in den nächsten 50 Jahren drauf setz? Deine abgebrannten Häuser müssen dir dagegen doch selbst lächerlich vorkommen.

sotho talker
 
00
14.4.2011, 17:05
wenn sie "niemals" sagen ist das falsch

die meisten entstehenden nuklide haben nur so kurze halbwertszeiten das sie in der natur keines mehr finden.

selbstverständlich sind in der natur durch natürliche kernspaltungsprozesse derartige nuklide schon entstanden.

die überreste dieser naturreaktoren geben übrigens gute hinweise darauf wie endlager beschaffen sein müssen...

x aeins
00
14.4.2011, 17:59

?????
Dann solltest du uns verraten, wie die Natur, ohne den Menschen und in der Zeit seiner Existenz, zu den relevanten Schadstoffen J131, Cs137, Sr90 und Pu239 kommen sollte

sotho talker
 
00
14.4.2011, 18:29
naturreaktoren

und das es in der zeit der "existenz der menschen" war habe ich nie behauptet.

nur die "zeit der existenz der menschen" ist nicht "niemals"

x aeins
00
14.4.2011, 20:15

so ein Quatsch. Nach dem Urknall, bei ein paar Mio. Grad, gabs auch alle möglichen Teilchen - die haben aber exakt Null mit der Wechselwirkung zwischen Nukliden und Zellen zu tun, wovon wir hier reden

sotho talker
 
00
15.4.2011, 10:24
die welt in der wir leben

ihre "verseuchte horrorvorstellung" ist die welt in der wir bereits seit 60 jahren leben. die erfahrungen mit verseuchung haben wir zu genüge gemacht.

das zeug (ja auch pu) ist bereits überall. sorry... aber die anderen aktuellen methoden energie zu gewinnen haben objektiv gesehen alle eine mörderische umweltbilanz im vergleich.

wir wissen inzwischen: gefährliches material lagert sich schnell irgendwo außer reichweite ab. das meiste ist kurzlebig und somit nach abklingen verschwunden.

da mach ich mir mehr sorgen um chemische abfälle die ihr gefahrenpotential NIEMALS verlieren...

x aeins
00
15.4.2011, 12:25

:-) ja das glaub ich: von Chemie verstehst nichts, daher ist die am bösesten - 30 Jahre Halbwertszeit samt 10x Abklingzeit sind problemlos, weil 1711 war erst vorgestern - von Dosis/Wirkungs/Beziehung weißt nichts, daher is wurscht ob noch AKWs explodieren, lagert sich eh alles weit von deinem Schrebergarten ab
sei mir net bös, aber so zu diskutieren macht nur begrenzten Spass

sotho talker
 
00
15.4.2011, 18:43
dosis und wirkung ist eben minimal

schauen sie sich doch die gemessenen werte an.

die grenzwerte die bei z.b nahrungsmittel überschritten werden sind sehr sehr streng. das ist auch richtig so, damit man luft nach oben hat.

es wäre doch närrisch grenzwerte ohne sicherheitsfaktor zu setzen!

oder schauen sie sich die dosis an. im internet finden sie livegeigerzähler. dann die messungen an verschiedenen punkten in der gegend um das kraftwerk.

sie müssen nur suchen und sie finden die infos.

x aeins
00
16.4.2011, 10:50

Letzter Versuch zu deiner Fortbildung: bei Strahlen gibts keine Dosis-Wirkungs-Beziehung wie bei Molekülen, sondern Wahrscheinlichkeiten, mit denen DNA-Strukturen getroffen werden
Stell dir vor, dein Schrebergarten liegt im Übungsgelände der Bundesheers. Je öfter und intensiver die dort mit scharfer Munition üben, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es dich einmal erwischt.
Aber es soll ja Furchtlose geben, die auch im Kugelhagel ungerührt spazierengehen...

(°)(°)
01
13.4.2011, 21:41

Jajaja, klar.
Keine Alternativen.
So ein Pech.

Na gut dass wir 250.000 Jahre Zeit haben zu warten bis der Müll nicht mehr strahlt.

sotho talker
 
00
14.4.2011, 10:55
wollen sie sich nichtmal informieren

was für radioaktive materialien in welchen mengen frei werden und was die konsequenzen davon sind?

die konsequenzen sind übrigens seit 60 jahren recht gut bekannt. die wahrheit ist: wir leben seit jahrzehnten schon in ihrer verstrahlten horrorwelt.

WLG
02
13.4.2011, 18:32

Der Vergleich mit dem Feuer ist sehr gewagt, schon allein aufgrund des Mangels an Langzeitschäden.

Fließt in Ihre Gesamtbilanz auch die Endlagerung des Atommülls ein? Mich würde interessieren, wie die bewertet wird. Ebenso Fehlgeburten und Krebserkrankungen.

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