Rote Ohren dank Shakespeare

13. April 2011, 10:06
posten

"Cymbelin"-Inszenierung von Henry Mason im Wiener Renaissancetheater

Eines ist klar: Das Zielpublikum wird im Theater der Jugend nicht unterschätzt. Die Figuren in Henry Masons Inszenierung von Shakespeares Cymbelin, das derzeit im Wiener Renaissancetheater ab 13 Jahren zu sehen ist, kommen verbal mitunter derart zur Sache, dass die schamesroten Ohren nur so schlackern. Zudem fällt die Spieldauer mit über zweieinhalb Stunden für ein Stück Jugendtheater eher üppig aus. Wenn die Aufführung derart überzeugend ist, macht das jedoch gar nichts.

Mason gelingt es, das oft gescholtene und selten gespielte Spätwerk Shakespeares gleichermaßen spannend wie auch nachvollziehbar in Szene zu setzen. Der üppigen Romanze, in der Innogen (Ulrike Schlegel), die Tochter des Königs Cymbelin (Klaus Huhle), nach vielen Intrigen und Verkleidungen doch noch zu ihrem geliebten Posthumus (Daniel Jeroma) findet, begegnet der auch die Textfassung verantwortende Oberspielleiter des Hauses mit leichter Ironie. Die Geschichte um Liebe, Politik und böse Stiefmutter (Nora Dirisamer) wird aus der 2000 Jahre alten britischen Sagenwelt in eine Parallelwelt verlegt, in der Telefon und Anzug (Kostüme: Jan Meier) ebenso zum Alltag gehören wie epische Schlachten mit überdimensionierten Waffen. Auch das gelungene Bühnenbild von Judith Leikauf und Karl Fehringer verortet die Handlung im Reich der Träume und Fantasie. Wo zunächst auf dem zur Wand hochgeklappten Boden zwei leere Gitterbetten Cymbelins größten Verlust bezeugen, entstehen später eine romantische Höhle und ein apokalyptisches Schlachtfeld. Christopher Nolans Inception trifft endgültig auf Sigmund Freud.

Auf offener Bühne vollzogene Kostüm- und Rollenwechsel - fast alle Mitglieder des starken Ensembles spielen mehrere Figuren - relativieren die wild konstruierte Handlung. Der Schluss, wenn alle Intrigen enthüllt werden, gerät schließlich zum komischsten Teil des kurzweiligen Abends. So hat das Publikum noch Kraft für großen Beifall, den die sichtlich erschöpften Darsteller glücklich empfangen. (wall, DER STANDARD - Printausgabe, 13. April 2011)

Renaissancetheater, bis 7. 5.

Share if you care.