Salzburgs Sturm und Drang zum 5:2 gegen KAC

13. April 2011, 04:08
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Ein wild entschlossener EC Salzburg hat die Finalserie ausgeglichen, die Titelentscheidung fällt nun am Donnerstag. Die Analyse zu Endspiel Nummer sechs in unserem Eishockey-Blog

306 ausgetragene und ein strafverifiziertes Spiel sind nicht genug, die EBEL-Saison 2010/11 ist noch nicht an ihrem Ende angelangt. Ein Offensivspektakel im Salzburger Volksgarten endete mit einem 5:2-Heimerfolg (Nachlese Live-Ticker) und dem Ausgleich in der Finalserie. Über die Titelvergabe entscheidet nun Spiel sieben am Donnerstag in Klagenfurt.

Salzburg stürmt

Zwei Overtimesiege in Folge hatten den KAC im finalen Kampf um die Meisterschaft mit 3:2 in Front gebracht, am Dienstagabend schlug das auf RedBull-Millionen aufgebaute Imperium aber zurück - und zwar auf eindrucksvolle Art und Weise. Den Gegner quasi ignorierend beschränkte sich Salzburg in Spiel sechs der Finalserie ganz auf die Umsetzung der offenbar einzigen eigenen Vorgabe - und die hieß bedingungslose Offensive. Durch den verletzungsbedingten Ausfall von Goalie Reinhard Divis kam der unerfahrene Thomas Höneckl (in der gesamten bisherigen Karriere 26 Minuten und 44 Sekunden in EBEL-Play-Offs am Eis) ins Tor, für die Bullen Anlass dazu, den Erfolg über die gesamte Dauer des Spiels hinweg in der Vorwärtsbewegung zu suchen und letztlich auch zu finden.

Pagés Plan geht auf

Grundlage für diese Spielweise waren zwei überraschende personelle Umstellungen von Headcoach Pierre Pagé: Für die Viertlinien-Stürmer Marco Brucker und Kevin Puschnik rückten die jungen Verteidiger Alexander Pallestrang (erster Einsatz im Finale) und Johan Holmberg ins Lineup. Der schwedische Verteidiger, im Vorjahr noch bei einem Fünftligisten in seinem Heimatland aktiv, zeigte weder Nervosität noch große Schwächen und beendete das Spiel mit einer positiven Plus/Minus-Bilanz. Durch diese beiden zusätzlichen Abwehrspieler wurden die zu Defendern umfunktionierten aber gelernten Angreifer Thomas Raffl und Dominique Heinrich freigespielt. Sie durften stürmen und sorgten letztlich mit jeweils einem Treffer dafür, dass Pagés personeller Kniff voll aufging.

Klagenfurts einseitiges Powerplay

Das erste Überzahlspiel der Partie erhielten nach exakt fünf gespielten Minuten die Gäste aus Klagenfurt. Deren Erfolgsquote im Powerplay lag in der Finalserie zu diesem Zeitpunkt zwar bei guten 27,3 Prozent, richtig funktioniert hat das Spiel bei numerischer Überlegenheit bisher jedoch nur, wenn die Formation der Importspieler im Einsatz war: Die jüngsten fünf der insgesamt sechs Powerplaytreffer gelangen, während Craig, Spurgeon und Scofield am Eis standen. Dem war in dieser Situation nicht so und es kam, wie es kommen musste: Schlechter Querpass von Schuller, Raffl überläuft Furey, zieht alleine auf das Tor und trifft zur Salzburger Führung - der zweite Shorthander, den der KAC im Finale kassierte.
Noch im selben Überzahlspiel konnten jedoch auch die Rotjacken anschreiben: Hundertpfund bezwang Höneckl mit einem Schlagschuss aus halbrechter Position in die kurze Ecke. Der Trefferreigen war damit noch nicht zu Ende, 50 Sekunden später stand es bereits 2:2. Duncan und Scofield trafen, in beiden Fällen sahen die Torhüter nicht glücklich aus.

195 Sekunden, 5 Tore

Was wohlwollend als offener Schlagabtausch beschrieben werden kann, war in dieser Phase ein mehr als schwaches Eishockeyspiel. Beide Teams stürmten kopflos anmutend drauflos, Tore hüben wie drüben übertünchten die fehlende spielerische Linie und die offensiv betriebene Negierung taktischer Konzepte.
Auch der nächste Treffer ließ nicht lange auf sich warten und wohl kaum jemand hätte zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass in dieser Phase das Game Winning Goal fallen würde. Nach fast 170 Spielminuten ohne Überzahltreffer und elf erfolglosen Powerplays in Serie für Salzburg trafen die Bullen ausgerechnet bei numerischer Überlegenheit: Regier fälschte einen Lakos-Blueliner ab, Chiodo war mangels Sicht chancenlos.

Kochs erster Finaltreffer als Vorentscheidung

Es war eine Führung, die Salzburg in der Folge bis zur Schlusssirene nicht mehr aus der Hand geben sollte. Ein zweiter Abschnitt mit klarer Überlegenheit des Titelverteidigers klang in der 39. Minute mit dem ersten Finaltor von Thomas Koch aus. Just als der KAC eine Unterzahlsituation (Penalty Killing in der Finalserie 82,8 Prozent gegenüber 68,3 im Viertel- und Halbfinale) erfolgreich überstanden hatte, schlug der Gastgeber zu: Abid täuschte am rechten Flügel den Schlagschuss an, spielte die Scheibe aber butterweich in den Slot, wo der frei stehende Salzburger Kapitän vollenden konnte. Die Vorlage war bereits der 16. Scorerpunkt des im Grunddurchgang so blassen Kanadiers in den Play-Offs.

Aberkanntes KAC-Tor

Salzburgs Sieg war in der Folge nicht mehr wirklich gefährdet, wenngleich der KAC im letzten Abschnitt die Schlagzahl erhöhte und 14 Minuten vor dem Spielende auch zum vermeintlichen Anschlusstreffer kam. Manuel Geier schloss einen Konter in Unterzahl erfolgreich ab, tat dies aber ungewollt mit seinem Schlittschuh statt mit seinem Stock. Die Referees verweigerten dem Tor nach langem Videostudium die Anerkennung. Eine umstrittene Entscheidung in einer äußerst kniffligen Situation, für die es letztlich wohl keine gänzlich widerspruchsfreie Auflösung gab.
So blieb es eine halbe Minute vor dem Ende Dominique Heinrich vorenthalten, den 5:2-Endstand zu besiegeln. Ein Sieg, den sich eine von unbändigem Offensivgeist geprägte Salzburger Mannschaft auch in dieser Höhe verdient hatte.

Schnelle Skates, geblockte Schüsse

Für alle Beteiligten wartet nun ein nervenaufreibendes und alles entscheidendes siebtes Endspiel am Donnerstag in Klagenfurt. Vom Dienstagabend bleibt der Eindruck einer weiteren Finalpartie von bescheidener Klasse, dafür mit enorm hohem Tempo. Bemerkenswert auch die Vielzahl an geblockten Schüssen auf beiden Seiten, die im Duell zweier nie wirklich sicher und souverän wirkender Goalies wohl ein noch torreicheres Score verhinderten.

Salzburg trampelte an diesem Abend richtiggehend durch den Volksgarten, eine Spielanlage, die für den Showdown in Klagenfurt wohl als zu riskant betrachtet werden kann. Der KAC hinterließ bei dieser Niederlage pradoxerweise einen besseren Eindruck als bei den letzten beiden Siegen und nimmt den Rückenwind eines in Sachen Dynamik und Offensivdrang guten letzten Drittels mit nach Hause. Gewinnen werden die Rotjacken die Meisterschaft aber nur, wenn sie ihre Abwehrarbeit um mindestens eine Klasse verbessern: Furey (-4) hatte in Salzburg einen katastrophalen Abend, Siklenka und Brown (nun -7 in der Finalserie) taumeln teilweise regelrecht durch die Verteidigungszone. Dazu funktioniert bei mindestens zwei der Angriffslinien das Backchecking nur unzureichend - gleich sieben Spieler im Kader haben kein einziges der sechs Finalspiele mit einer positiven Plus/Minus-Bilanz abgeschlossen!

Über die ersten sechs Spiele betrachtet, wirkt Salzburg etwas kompakter, außerdem ist die offensive Produktivität der Bullen breiter gestreut als jene des KAC. Der Rekordmeister muss am Dienstag (derStandard.at berichtet wie üblich in Echtzeit) das beste Spiel der Saison liefern, um die "Mission 30" zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 13.April 2011)

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