Geld kann Ihre Titelträume gefährden

13. April 2011, 03:10
105 Postings

Manchester United besiegt Chelsea, weil die Blues ihre Investitionen glänzen sehen wollten - Eine Taktikanalyse zur Champions League

Nach dem 1:0-Auswärtssieg von Manchester United an der Stamford Bridge war die Ausgangsposition für das Rückspiel klar. Chelsea musste irgendwie einen Sieg davontragen. Carlo Ancelotti stand beim Tüfteln über diese Aufgabe vor einigen schwierigen Fragen. Seine Antworten erwiesen sich als falsch.

Erstens: Wie sollte man Rooney entschärfen?

Der hatte im Hinspiel als zurückhängende Spitze keinen echten Gegenspieler und konnte so walten wie es ihm beliebte. Ancelotti wählte den Ausweg, die Formation zu ändern. Das flache 4-4-2 wurde fallen gelassen und die Mitte verstärkt. Was am Papier zuerst wie ein 4-3-3 mit breiter Offensive aussah, stellte sich schnell als 4-3-2-1-Tannenbaum mit einem von den Außenverteidigern getragenen Flügelspiel heraus. Rooney bekam man trotzdem nicht in den Griff, aber dazu mehr später.

Zweitens: Welchen Stürmer sollte er aufbieten?

Seit dem Transfer von Torres an die Stamford Bridge stellt sich diese Frage jede Woche. Anelka, Drogba und der Spanier wollen Einsätze. Es scheint, als würde man bei Chelsea erzwingen wollen, dass Torres endlich sein erstes Tor im blauen Trikot macht. Denn angesichts der flankenlastigen Spielanlage ist die Entscheidung rational nicht zu erklären, weshalb der an Selbstvertrauen arme Torres den Vorzug gegenüber dem kräftigen Drogba bekam.

Drittens: Wie sollte Chelsea es strategisch anlegen?

United startet zuhause traditionell stark. Würde Chelsea von Beginn weg den Rückstand aufzuholen versuchen, oder erstmal den ersten Schwung abfangen und dann geduldig auf den Gesamtausgleich spielen? Auch bei der Auswahl des rechten Außenverteidigers stellte sich diese Frage. Bosingwa oder Ivanovic? Ersterer hatte zwar im Hinspiel beim Gegentor einen Fehler gemacht, bringt aber als offensiver Außenverteidiger die besseren Fähigkeiten mit. Ancelotti schickte Ivanovic in den Kampf - was angesichts der Formation etwas ungewöhnlich war.

Keine Not bei United

Für Alex Ferguson lag hingegen auf der Hand, das System erstmal nicht zu ändern. In seinem 4-4-1-1 machten Zehner Rooney und Sechser Carrick viele Kilometer, um zusammen mit Achter Giggs in der Zentrale die Oberhand zu gewinnen und die Bälle dann nach außen zu verteilen. Dort verhielten die Außenverteidiger sich weniger offensiv als ihre Gegenüber, versuchten aber ihre Vorderleute (Park und Nani) mit vertikalen Pässen einzusetzen. Vor allem O'Shea gelang das gut

Wie dann auch zu erwarten war, begann der MUFC druckvoller. Die Mannschaft attackierte früh. Rooney stellte sich schnell als Dreh- und Angelpunkt des Angriffsspiel heraus. Er spulte ein enormes Laufpensum ab, war bei Angriffen am rechten Flügel genauso maßgeblich beteiligt wie beim Pässe-Verteilen aus der tiefen Zentrale heraus.

Chelsea kommt auf

Doch nach dem roten Anfangsschwung, der keine größeren Chancen mit sich brachte, gewann Chelsea langsam die Oberhand. Die Blauen gewannen die Bälle entweder durch gutes Pressing, spätestens aber wenn sich die Mannschaft hinten wieder formiert hatte. Sie stießen dann in der Mitte mit dem personellen Übergewicht etwas vor. Immer wenn die Manchester United-Mittelfeld-Viererkette zum Verteidigen zusammenzog, gingen die Bälle dann nach außen, wo die Außenverteidiger Platz vorfanden.

Vor allem über die linke Seite mit Cole funktionierte das ganz gut, rechts scheiterten die Versuche öfters an bescheidenen Hereingaben. Auch war für Ivanovic der Raum enger, weil Anelka und Ramires weiter außen spielten als auf der anderen Seite Malouda und Lampard. Chelsea kam so jedenfalls zu einer ganzen Reihe an Möglichkeiten, wenn auch nicht zu den ganz zwingenden. Ramires (8.), Torres (12. per Kopf), Anelka (14. & 23., jeweils Schüsse von der Strafraumgrenze) und Lampard (15.) scheiterten. Die beste Chance gab es nach einem Fehler von Vidic (30.), bei dem Van der Sar zwar nicht rechtzeitig aus dem Tor kam, jedoch per Tackling nach einem Laufduell (!) mit Anelka retten konnte. Einzig Torres wirkte der Aufgabe nicht gewachsen. Weder konnte er hohe Bälle behaupten oder verlässlich ablegen, noch bewegte er sich viel nach Außen, um die Angriffe zu unterstützen.

Erste Änderungen erst kurz vor der Pause

Manchester United hatte bis dato nichts zu bieten, was Chelsea gefährlich werden konnte. So etwas wie Gefahr gab es meist dann, wenn Rooney rechts hinaus rückte. Der Grund dafür war einerseits natürlich seine Klasse Andererseits ist Malouda als linker "Holding Midfielder" defensiv nicht so diszipliniert veranlagt, wie Essien als rechter. Seine Vorstöße und seine Deckungsarbeit gegen Parks Tendenz zur Mitte gaben Rooney den Platz zwischen den Reihen, den der Engländer so gerne sucht. Auch die erste Torchance entstand so (27.). Rooney brachte einen wunderbaren Cross zu Hernandez an, doch Chicharitos herrlicher Flugkopfballtreffer fiel aus knapper Abseitsposition. Einige Minuten später musste eine Hereingabe von Rooney von Cech in größerer Not abgefangen werden. Ansonsten wirkte all der Einsatz der Red Devils allenfalls entlastend - etwa einige Konterstöße von Nani, der dabei von Ramires einmal auch nur mit einem Foul (Gelb) gestoppt werden konnte.

Ab der 40. Minute stellte United das System um und gab die linke Seite kurzzeitig auf. Park verließ dazu die rechte Seite und ging hinter Rooney und Hernandez, Giggs marschierte an seine Stelle, auch Nani parkte seinen Hintern zentral. So brachte United zahlreiche Körper in die Gefahrenzone und verhinderte, dass die Gäste die rechte Flanke einfach abwürgen konnten. Aber noch ehe Chelsea darauf reagieren hätte können, folgten ohnehin schon einige gefährliche Hereingaben von Giggs, der die Rolle am Flügel viel offensiver und weiter außen als Park anlegte.

Das zahlte sich aus. 44. Minute: Rooney öffnete einen festgefahrenen Angriff, indem er aus der Mitte mit dem Rücken zum Tor eine Flanke ganz nach rechts schlug. Dort fand Giggs mit O'Shea einen Partner fürs Passspiel, sprintete seinem sichtbar ungeübten "Manndecker" Anelka davon und brachte einen perfekten Querpass zur Mitte. Rooney verpasste noch knapp, aber Chicharito war zur Stelle. 1:0 für Manchester United. Chelsea brauchte nun zwei Tore in der zweiten Hälfte.

Torres muss runter, Drogba macht Dampf

Zur Pause stellte Manchester wieder auf die Ursprungsformation zurück. Währenddessen reagierte Ancelotti auf die bescheidene Leistung von Torres, brachte an seiner Stelle Drogba. Der schon seit der 10. Minute immer wieder humpelnde Ferdinand blieb auf der anderen Seite hingegen am Platz.

Und damit wehte ein vollkommen anderer Wind, ohne dass das sonstige Sytem geändert wurde. Der Mann von der Elfenbeinküste strahlte eine körperlich völlig andere Präsenz aus, behauptete sich bei Kopfbällen, kämpfte um jeden Ball und fand so eine viel bessere Connection mit seinen Hinterleuten - vor allem Lampard. Schon in der 47. Minute musste Drogba nach einer Aktion von Lampard und Ivanovic in letzter Sekunde abgeblockt werden. Was für ein Beleg dafür, dass Torres in die Mannschaft einfach noch in keiner Weise richtig integriert ist!

Drei Minuten später setzte Lampard einen Weitschuss neben das Tor. In der 52. Minute setzte Drogba gegen Van der Sar nach, dessen Abschlag endete bei Ashley Cole, der im Zusammenspiel mit Malouda vorstieß. Die Flanke des Außenverteidigers wurde von der insgesamt hervorragenden Manchester Innenverteidigung zwar weggeköpft, doch Malouda lauerte darauf und übernahm den Abpraller direkt. Auch dieser Ball fand aber nicht das Tor.

MUFC befreit sich

Ein Dreh-Weitschuss von Drogba (57.) war dann die letzte Gefahr für das Van der Sar-Tor für längere Zeit. Der Ivorer konnte zwei Minuten später lediglich noch ein Foul und eine Gelbe Karte gegen Evra herausholen, der darauffolgende Freistoß von der Strafraumgrenze endete aber in einem Konter, in dem Lampard den überragenden Rooney ebenfalls mit einem Foul an der Strafraumgrenze stoppen musste. Die Einwechslung von Kalou (61. für Anelka) brachte keine frischen Akzente. Auch ein Kopfball von Alex nach einem Eckball (67.) versprühte nie wirklich den Duft von Torgefahr.

Wie hatte United den Drogba-Dampf gestoppt? Die Defensive gestärkt? Einen Spieler ausgetauscht? Nein. Mit dem simplen Auftrag zu eigenem Pressing. Die Stürmer und Flügel attackierten wieder höher, die Verteidiger blieben allerdings tief stehen. So gelangen zwei Dinge: Man streckte Chelsea in die Länge, weshalb die Blues im Mittelfeld plötzlich weniger Druck auf die Ballführer in Rot bekamen. Diese konnten auf diese Weise die Bälle souveräner verteilen und das Spiel beruhigen. Und man gab Cole und Ivanovic defensiv mehr zu tun, weshalb die bedrohliche Breite, die Chelsea durch sie gewan etwas entschärft wurde.

Nach einigen recht ruhigen Minuten nahm Manchester dann noch einmal das Heft in die Hand. Nanis Weitschuss (68.) konnte aber Cech abwehren und Giggs verfehlte nach Rooney-Flanke das Tor (70.). Dann kam es zu Nanis bedeutendstem Beitrag zum Spiel. Der Portugiese wurde einmal mehr von Ramires gefoult. Diesmal kam der Brasilianer von hinten, was ihm die vertretbare Gelb-Rote-Karte bescherte (71.). Diese Aktion im Mittelfeld schwächte die Gäste durchaus unnötigerweise.

Chelsea gibt nicht auf

Aber 20 Minuten vor Schluss mit einem Mann weniger und zwei Pflichttore vor sich, zeigte Chelsea Moral. Ancelotti machte aus den Außenverteidiger nun endgültig Mittelfeldspieler. Auf Hernandez passten nur noch die Innenverteidiger auf. Ansonsten blieb er dem System aber treu. Und tatsächlich blieb die Chance am Leben, doch Drogba scheiterte vorerst am MUFC-Schlussmann (73.).

Im Gegenzug stieß Nani durch die Mitte, war bereits an allen Gegnern vorbei, als der bereits mit Gelb belastete Terry doch noch sein Bein dazwischen bekam. Die Ampelkarte wäre hier vermutlich noch einfacher zu rechtfertigen gewesen, doch der unauffällig und damit gut pfeifende Schiedsrichter Benquerenca ließ diesmal Gnade vor Recht ergehen.

Das hätte vielleicht noch für Diskussionsbedarf sorgen können, hätten die Gäste das Spiel komplett gedreht. Und nur eine Minute später glich Chelsea tatsächlich aus. Der defensiv viel beschäftigte Essien überbrückte die Mittelfeldzentrale, in der Chelsea ohnehin kaum Land gesehen hatte und spielte einen gekonnten Steilpass püber die Abwehr auf Drogba. Dessen Abseits wurde durch den immer noch zeitweise humpelnden Ferdinand aufgehoben. Der 33-jährige ließ dem 40jährigen Van der Sar keine Chance.

Der schnelle Konter macht alles klar

Es roch nach einer heißen Schlussviertelstunde, doch die blauen Freuden währten nicht lange. Ferguson nahm schon in der Unterbrechung unmittelbar vor dem Gegentreffer Nani vom Platz und brachte Valencia. Der wechselte die Seiten mit Park und leitete nach dem Anstoß über rechts einen Angriff ein. Über Rooney verlagerte sich das Spiel erst zur Mitte. Der legte weiter auf Giggs ab und jener bewundernswerte Feldspieler-Oldie machte Parks Lauf auf der linken Seite aus und bediente ihn. Da ließ der Südkoreaner sich nicht bitten. Er netzte ein.

Chelsea gab sich auch dann nicht auf. Es gelang der Mannschaft sogar in Unterzahl, die Red Devils mit Pressing zeitweise unter Druck zu setzen. Doch weil auch Van der Sar bei einem Kalou-Schuss (87.) weiter ohne Fehl und Tadel blieb, blieben die Bemühungen fruchtlos.

Fazit: Geld tötet Titel

Chelsea muss das große Abramovic-Ziel "Champions League-Titel" wieder einmal auf das nächste Jahr verschieben - diesmal tröstet die Blues aber auch kein anderer über das Versagen hinweg. Ein Grund für den gescheiterten Anlauf war wohl auch, dass man bei den Londonern unbedingt die irrwitzige Investition in Torres rechtfertigen wollte.  Stattdessen schafft man es von Spiel zu Spiel mehr, sie als Fehler dastehen zu lassen. Denn das Torres-Drogba-Duo im Hinspiel funktionierte ja einmal mehr auch nicht, und Drogba zeigte nach seiner Einwechslung jedenfalls, dass den 60 Millionen-Spanier mit der hartnäckigen Ladehemmung im Moment kein Ersatz für ihn ist.

Bevor das jetzt aber zuviel Schuld auf Torres lädt, der in einem System wie diesem seine Stärken auch verständlicherweise nicht ausspielen kann: Auch strategisch war die Partie nicht mutig genug angelegt. Erst in der Unterzahl der Schlussviertelstunde hatte man das Gefühl, dass Chelsea wirklich das letzte Risiko nimmt, um den nötigen Auswärtssieg im Old Trafford zu schaffen.

Während das Endergebnisergebnis am Scoreboard mit 2:1 (3:1 Gesamt) nicht allzu eindeutig ist, weil die Mannschaften einfach zu wenig Qualität trennt, hat Alex Ferguson sein Gegenüber im Coaching-Duell deklassiert, ohne allzu kreativ werden zu müssen. Seine Defensiv im Großen und Ganzen funktionierende Strategie konnte er bis auf wenige, freiwillige Minuten vor der Pause einfach beibehalten (was umgehend wirkte).

Er benötigte, dank der Fitness und Leistungen der Spieler (allen voran Rooney, Giggs und Carrick), auch nur einen einzelnen Wechsel (der ebenfalls sofort wirkte). Lediglich seine Entscheidung, den jungen Smalling draußen zu lassen um Drogba mit dem Superduo Ferdinand-Vidic beizukommen (obwohl ersterer sichtlich angeschlagen war) wäre zu diskutieren.(tsc, derStandard.at, 13.4.2011)

  • Manchester United - Chelsea: Die Starformationen...
    grafik: derstandard.at/ballverliebt.eu

    Manchester United - Chelsea: Die Starformationen...

  • Bild nicht mehr verfügbar

    ...und ihre Erdenker.

Share if you care.