Ein Retter vor "Teufeln und Dämonen"

13. April 2011, 12:11
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Israel ehrt Salzburger Priester Balthasar Linsinger als "Gerechten unter den Völkern"

Wien - "Streng" ist das erste Wort, das Angelica Bäumer in den Sinn kommt, wenn sie sich an Balthasar Linsinger erinnert. "Er war ein strenger Katholik, stets freundlich, geradlinig und dadurch eine echte Autorität", beschreibt die heute 79-Jährige jenen Mann, der ihr, ihren Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern 1944 in seinem Pfarrhof in Großarl Unterschlupf und Schutz vor der Gestapo gewährt hatte. Er gab die Familie aus Salzburg im Dorf als Ausgebombte aus Wien aus.

Linsinger, der 1986 starb, wird heute, Mittwoch, im Parlament vom israelischen Botschafter Aviv Shir-On als "Gerechter unter den Völkern" geehrt.

Bäumers Mutter Valerie stammte aus einer jüdischen Wiener Familie, ihr Vater Eduard war in Deutschland in einem jüdischen Waisenhaus aufgewachsen - "ob er jüdische Vorfahren hatte, konnten nicht einmal die Nazis herausfinden", sagt Bäumer.

Linsinger, 1902 in St. Veit im Pongau als Sohn einer Bauernfamilie geboren, war immer wieder mit dem NS-Regime in Konflikt geraten. "Er fühlte sich nur Gott verpflichtet, und eine Partei, die die Religion verbietet, war ihm zutiefst zuwider", sagt Bäumer. 1940 - Linsinger leitete damals die Pfarre Weißbach bei Lofer - wurde er einen Monat lang wegen "Verrichtung kirchlicher Funktionen über den gewöhnlichen Werktagsgottesdienst hinaus" inhaftiert.

Bereits ein Jahr zuvor war der Geistliche der Gestapo aufgefallen, weil bei einer Sammlung für die Kirche weit mehr gespendet worden war als bei einer NS-Sammlung - was auf Linsingers Einfluss zurückgeführt wurde. 1942 wurde ihm schließlich die Jugendseelsorge verboten. "Aber Linsinger fand immer wieder Wege, dieses Verbot zu umgehen", erzählt Angelica Bäumer. "Er hielt dann eben Liederabende ab, wo er Liedtexte mit der Bibel erklärte."

Kennengelernt hat ihr Vater, der Maler Eduard Bäumer, Linsinger 1942 in Salzburg, als dieser jemanden suchte, der unentgeltlich das Deckenfresko in seiner Kirche in Weißbach erneuern konnte. "Wir verbrachten den Sommer im Pinzgau, und als Linsinger bemerkte, dass mein Vater sehr bedrückt war, weil er zunehmend Angst hatte", habe er gesagt: "Dann kommen Sie einfach alle zu mir." Als der Priester 1943 versetzt wurde, schickte er der Familie einen Brief: "Ich bin in Großarl, aber mein Wort gilt."

Ausweise verbrannt 

1944 nahmen die Bäumers das Angebot an. "Unsere Ausweise mit dem J habe wir verbrannt, so entstand auch die Idee, uns als Wiener auszugeben, die bei einem Bombenangriff ihre Papiere verloren hatten", erinnert sich Bäumer, die damals zwölf Jahre alt war.

Linsinger habe aus seinem Glauben heraus die Nationalsozialisten abgelehnt und in der Messe "von den Teufeln und Dämonen gepredigt, die die Welt beherrschen". Obwohl es viele Nazis im Dorf gab, hat dennoch niemand den Pfarrer denunziert. Als ihn Angelica Bäumers Schwester in St. Michel im Lungau besuchte, wo er seinen Ruhestand verbrachte, habe diese zu ihm gesagt: "Sie haben uns schließlich das Leben gerettet." Woraufhin Linsinger antwortete: "So? Habe ich das?" (Bettina Fernsebner-Kokert/DER STANDARD, Printausgabe, 13.04.2011)

  • Der Salzburger Priester Balthasar Linsinger war während der NS-Zeit immer wieder mit dem Regime in Konflikt geraten, wurde sogar kurzzeitig inhaftiert. Das hinderte ihn nicht daran, einer jüdischen Familie in seinem Pfarrhof in Großarl Unterschlupf zu gewähren.
    foto: privat

    Der Salzburger Priester Balthasar Linsinger war während der NS-Zeit immer wieder mit dem Regime in Konflikt geraten, wurde sogar kurzzeitig inhaftiert. Das hinderte ihn nicht daran, einer jüdischen Familie in seinem Pfarrhof in Großarl Unterschlupf zu gewähren.

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