"Cyrus": Intimität ist eine geladene Waffe

12. April 2011, 18:12
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Die US-Regiebrüder Jay und Mark Duplass warten in "Cyrus" mit einer irrwitzigen Dreiecksgeschichte auf: eine Filmkomödie über unmögliche Nahverhältnisse in emotionaler Direktheit

Wien - Muttersöhnchen gab es in US-amerikanischen Komödien der letzten Jahre zuhauf. Doch Cyrus, der Titelheld von Jay und Mark Duplass' Film, übertrifft sie alle mit links. Denn die Nähe dieses Sohnes zu seiner Mutter, deren Maß an Intimität und Vertrautheit: nachgerade schmerzvoll. Man will nicht sehen, wie selbstverständlich sich der übergewichtige junge Mann, dem Jonah Hill eine geradezu dämonische Sanftheit verleiht, zu seiner Mutter (Marisa Tomei) ins Bad schleicht, wo diese gerade duscht. Man hält es kaum aus, wie er sie immer wieder weich kriegt, mit billigen Vorwänden und eingebildeten Krankheiten, die Verlustängsten und Bequemlichkeit geschuldet sind.

Cyrus, erzählt der 38-jährige US-Regisseur Jay Duplass im STANDARD-Interview, sei der extremste Charakter, den er mit seinem Bruder je erschaffen habe. Der Ausgangspunkt des Films war trotzdem ein anderer: "Wir wollten zum ersten Mal eine richtige Liebesgeschichte erforschen. Weil es dafür auch Konflikt braucht, haben wir schließlich an eine Dreiecksgeschichte gedacht, bei der die dritte Seite eben der Sohn der Frau sein würde. Es war klar, es würde unangenehm, peinlich werden, denn herzig oder lieblich - das durfte es nicht sein."

Cyrus beginnt so auch wie eine unglamouröse Form der Romantic Comedy, die zwei einsame Herzen auf einer Party in einer wunderbaren Szene zusammenführt: "Nice cock", das sind Mollys erste Worte an John. Er war gerade dabei, in den Garten zu pinkeln. John - eine Paraderolle für John C. Reilly - wäre ein idealer Partner: gutwillig, humorvoll, entspannt. Doch Cyrus wertet jeden Dritten als Eindringling. So entsteht ein Konkurrenzverhältnis, das der Film in immer groteskere Höhen schraubt.

Wie kommt man auf eine Situation, in der Grenzbereiche von Intimität derart ausgelotet werden? Jay Duplass' Antwort überrascht: "Die Beziehung von Molly zu Cyrus ist ihrem Wesen nach die zwischen mir und meinem Bruder. Wir sind so eng miteinander aufgewachsen, dass bestimmte Dinge geradezu telepathisch übermittelt werden können. Unser Leben lang haben wir Leute beobachtet, die in unsere Enklave eindringen wollten - ohne Erfolg. Es war komisch und traurig zugleich: Als wir in unseren 20ern waren, wurde es regelrecht unheimlich. Es wird seltsam, wenn man denkt, dass niemand einem je so nahe kommen wird wie sein Bruder."

Als Filmemacher sind Mark und Jay Duplass lose mit der sogenannten Mumblecore-Bewegung verbunden, einer Gruppe von Filmemachern, die mit minimalen Budgets betont private Arbeiten dreht, die ihre Lebensrealität wiedergeben. "In den frühen 90er-Jahren versuchten wir die Coen-Brüder zu sein", erinnert sich Duplass: "Das sollte man nicht versuchen, sie können es selbst am besten. Also begannen wir, Filme in unserem Apartment zu drehen, etwa über einen Typen, der die perfekte Ansage für seinen Anrufbeantworter sucht und darüber in Verzweiflung gerät."

Die Methode des Improvisierens unter dokumentarischen Bedingungen blieb seitdem bestehen - eine Szene wird mit zwei Kameras in einem durch gedreht. "Das Gute daran ist: Wenn der Blitz einschlägt, hast du es geschafft! Man muss keine weiteren sieben Takes mehr machen." In ihren Geschichten, sagt Duplass, würden sie stets jenen Moment suchen, an dem der Konflikt unausweichlich wird - "den perfekten Sturm für seltsame, tragische Gefühle" - von da an würden Dinge der Subtilität wegen auch wieder weggelassen.

John C. Reilly wurde durch seine Frau, die Produzentin Alison Dickey, auf die Brüder aufmerksam - das Script haben sie schließlich für ihn geschrieben. Haben sie dabei an bubenhafte Rollenmuster einer neuen Generation gedacht? "Ich glaube, wir halten uns alle für jung - die früheren Generationen haben es bloß besser verschleiert. Sie haben so getan, als wüssten sie, was sie tun. Aber niemand weiß genau, was er tut."  (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Printausgabe, 13. 4. 2011)

  • Von einem, der seine Mutter mit niemandem teilen will: Sohn Cyrus (Jonah Hill, links), Molly (Marisa Tomei) und John (John C. Reilly) in der Komödie "Cyrus". Ab Freitag im Kino.
    foto: abc-film

    Von einem, der seine Mutter mit niemandem teilen will: Sohn Cyrus (Jonah Hill, links), Molly (Marisa Tomei) und John (John C. Reilly) in der Komödie "Cyrus". Ab Freitag im Kino.

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    Jay Duplass: Komödien im dokumentarischen Stil.

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