Auf den Spuren von Josef Pröll

12. April 2011, 18:03
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ÖVP-Spitzen maßregeln Medien - Spindelegger beschwichtigt wegen Ministerteam

Wien - Josef Pröll fehlt. Geschäftig eilen die Regierungsmitglieder in den Ministerrat. Die wenigen Journalisten, die es wagen, sich nach dem Befinden des Vizekanzlers erkundigen, bekommen Antworten, als würden sie in einer hochgeheimen Staatsangelegenheit ungeniert herumwühlen. Dem Team eines Privatsenders etwa bescheidet Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich in schroffem Ton, dass Josef Pröll Erholung brauche. "Da geht's auch um Menschlichkeit!", zischt er - und geht gleich ab.

Dienstagvormittag im Kanzleramt. Wieder ein Ministerrat ohne den Vizekanzler. Es ist mittlerweile der fünfte, seit Josef Pröll am 18. März wegen einer Lungenembolie in die Innsbrucker Universitätsklinik gebracht wurde. Bis nach Ostern, hieß es, bis zur Präsentation des Finanzrahmens, die für 27. April vorgesehen ist, werde er sich in einer Reha auskurieren.

Auch der rote Kanzler verliert beim Pressefoyer kein Wort über seinen langjährigen Regierungspartner. So und nicht anders wollen es die PR-Strategen in der ÖVP. Die Order des Stillschweigens gilt unter schwarzen Granden längst als umstritten, weil dadurch in den Medien erst recht Spekulationen über Josef Prölls Gesundheitszustand sowie potentielle Personalrochaden genährt werden. Doch offiziell will dieses Dilemma hier niemand zugeben.

Während der Boulevard den rekonvaleszenten Vizekanzler in einem Tiroler Kurhotel ausgemacht hat, entwerfen die Broadsheets vor allem Szenarien, wie an der ÖVP-Spitze die Macht aufgeteilt wird, sollte sich Josef Pröll nicht mehr das Vizekanzleramt, das Finanzressort sowie die Parteiführung antun wollen. Oder können.

Die errichtete Mauer des Schweigens zeigt auch schon bei den roten Gewährsleuten im Kanzleramt Wirkung. Obwohl sich SPÖ-Chef Werner Faymann und Josef Pröll seit Jahresbeginn bei Wehrpflicht, Zivildienst, Sicherheitsdoktrin auf so gut wie nichts mehr einigen konnten, sinniert ein SPÖ-Mann nun mit verklärtem Blick auf die Vergangenheit: "Bei den wirklich wichtigen Dingen - wie der Notverstaatlichung der Hypo, der Erstellung des Budgets - haben die zwei immer zusammengehalten." Und daher stehe fest: Gehe es Josef Prölls ÖVP schlecht, ginge es auch der SPÖ früher oder später schlecht - "und das lenkt erst recht von der Sacharbeit ab".

Am Nachmittag geht dann Wiens ÖVP-Obfrau in die Offensive. Christine Marek heißt Spekulationen über Josef Pröll "ungustiös" und "unkollegial". Beim EU-Rat in Luxemburg meldet sich einer, der als neuer möglicher Parteichef gehandelt wird, zu Wort. "Ich stehe voll und ganz hinter ihm", versicherte Außenminister Michael Spindelegger dort in Bezug auf Josef Pröll. Und: "Es gibt keine Spekulationen, in dem Sinn, dass jeder Minister Angst haben muss um seinen Posten."

Dennoch halten sich hartnäckig Gerüchte. Auch sehr hässliche kommen schon auf. Gerade weil Josef Pröll seit 25 Tagen schweigt. (Nina Weißensteiner, STANDARD-Printausgabe, 13.4.2011)

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