Forschen für den spirituellen Fortschritt

12. April 2011, 17:41
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Letzte Woche wurde der britische Astrophysiker Martin Rees mit dem Templeton-Preis im Wert von einer Million Pfund ausgezeichnet

Dahinter steht die umstrittene Templeton Foundation, die auch prominente österreichische Forscher fördert.

Es ist mit einer Million Pfund der bestdotierte Preis, der an eine Einzelperson vergeben wird. Zugleich ist es eine der in der Wissenschaft umstrittensten Auszeichnungen: Dabei ist gar nicht so ganz klar, wofür der Templeton-Preis nun konkret steht. Bis 2001 lautete sein Beiname "für Fortschritt in der Religion" , bis 2008 "für Forschritt bei der Erforschung oder Entdeckung spiritueller Wirklichkeiten" .

Die erste Preisträgerin 1973 war Mutter Teresa. Doch zuletzt ging der Preis fast nur an Physiker und/oder Philosophen, und zwar offiziell für "außerordentliche Beiträge, welche die spirituelle Dimension des Lebens entweder durch Einsichten, Entdeckungen oder Taten bekräftigen" .

Vorige Woche wurde der Preis des Jahres 2011 dem Astrophysiker Martin Rees zugesprochen, einen der angesehensten Forscher Großbritanniens: Lord Rees ist nicht nur Master des Trinity College in Cambridge, sondern auch noch Königlicher Astronom. Er war zudem bis 2010 Präsident der Royal Society, der ehrwürdigsten Gelehrtengesellschaft der Welt. Rees nahm den Preis an und löste damit in den britischen Medien heftige Kontroversen aus.

Atheistische Kritiker

Denn den bekennenden Atheisten in der Wissenschaft – allen voran dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins – ist der Preis und die dahinterstehende Templeton Foundation ein einziges Ärgernis. Das wurde nicht kleiner, nachdem sich Rees in einer ersten Reaktion als völlig ungläubig bezeichnete und gar nicht wisse, warum er den Preis zugesprochen erhielt.

Was aber steckt hinter der Templeton Foundation? Und ist sie wirklich so böse, wie manche Forscher meinen? Das Geld der Organisation kommt jedenfalls von Sir John Templeton, einem britisch-US-amerikanischen Investmentbanker, der die philantropische Stiftung 1987 gründete. Mit mehr als zwei Milliarden Dollar Stiftungsvermögen ist diese heute die weltweit größte Einrichtung, die Forschungsmittel für die Untersuchung von Religion und Spiritualität vergibt. Jährlich verteilt die im US-Bundesstaat Pennsylvania angesiedelte Organisation rund 50 Millionen Euro.

Von dem Geldregen profitieren nicht nur Theologen, Philosophen oder Soziologen, sondern auch Evolutionsbiologen, Chemiker, oder Physiker. Doch Wissenschafter debattieren seit Jahren, ob die Stiftung den tiefen Graben zwischen Religion und Naturwissenschaften nur klammheimlich zuschütten will, um Gott einen Platz im evidenzbasierten Weltbild einzuräumen. "Die Stiftung lässt es fälschlicherweise so erscheinen, als würden Religion und Naturwissenschaften dieselben Interessen verfolgen" , meint etwa Sean Carroll, Kosmologe am California Institute of Technology und Atheist. "Ich will mit einem solchen Vorhaben nicht in Verbindung gebracht werden."

In der Vergangenheit gab es immer wieder Grund zur Sorge. So mussten Antragsteller noch in den 1990er-Jahren darlegen, inwieweit sich ihre Forschung mit der von John Templeton in seiner Freizeit verfassten Erbauungsliteratur auseinandersetzt. Auch förderte die Stiftung einige Personen, die zur Intelligent-Design-Bewegung zählen, und zeichnete einen davon – Bill Graham 1982 – sogar mit dem Templeton-Preis aus. Von dieser nebulösen, religiös motivierten Sicht kosmischer Ursprünge hat sich die Stiftung zuletzt jedoch mehrmals ausdrücklich distanziert.

Keine Instrumentalisierung

Dass die Stiftung die Naturwissenschaften tatsächlich religiös unterwandert, ist keineswegs ausgemacht. Denn es finden sich ebenso Forscher, die berichten, dass die Stiftung keinerlei Einfluss auf die von ihr finanzierten Studien genommen habe. So sagt der Sozialpsychologe Jonathan Haidt: "Die Templeton Foundation sah einen Bedarf für positive Psychologie – und begann, dieses Gebiet zu fördern. Auch mich. Es gab vonseiten der Stiftung aber keine Einmischung, keinen Versuch, Ergebnisse für ihre Zwecke zu instrumentalisieren."

Die Templeton Foundation gab auch das Geld für eine 2006 publizierte Studie, die der renommierte Mediziner Herbert Benson von der Harvard University durchführte. Er untersuchte, ob Gebete religiösen Patienten im Heilungsprozess helfen können. Die Antwort fiel negativ aus. Die beobachteten Effekte waren statistisch schlicht irrelevant. "Wir haben das genau so berichtet" , sagt der frühere Entscheidungsforscher Barnaby Marsh, der mittlerweile bei der Templeton Foundation für Strategie und Planung zuständig ist.

Nachdem ihr Gründer John Templeton 95-jährig im Jahr 2008 gestorben war, kam es zu einer Umstrukturierung der Stiftung, bei der auch das Forschungsprogramm gründlich umgekrempelt wurde – vor allem mit dem Ziel, das Ansehen der Stiftung in den Augen der Wissenschaftsgemeinde zu heben. Liest man heute auf der Webseite über ihre Forschungsprioritäten nach, ist dort von Gott und Religion kaum noch die Rede.

Stattdessen liegt die Betonung auf den großen Fragen nach dem Ursprung aller Dinge, dem Sinn des Lebens oder der Moral. Die wissenschaftlichen Programme sind daher unter dem Motto "Naturwissenschaft und die großen Fragen" zusammengefasst. Es geht um Physik, Biologie, Philosophie, Medizin oder um Foren für den Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaften.

Geförderte Österreicher

Auch prominente österreichische Forscher sind unter den Geförderten: So erhielt der Experimentalphysiker Anton Zeilinger von der Universität Wien von 2005 bis 2009 fast 900.000 Dollar für Forschungen zur philosophischen Betrachtung der Quantenphysik. Und der aus Österreich stammende Biomathematiker Martin Nowak von der Harvard Universität leitet seit vergangenem Jahr ein mit zehn Millionen Dollar finanziertes Projekt zu Grundfragen der Evolutionsbiologie. Nowak, der auch im Beirat der Templeton Foundation sitzt, ist überzeugter Katholik, doch steht das in seinen Augen nicht im Widerspruch zu seiner Forschung: "Ich glaube, dass Wissenschaft und Religion Teil dessen sind, was Menschen auf der Suche nach der Wahrheit brauchen und wollen."

Evolutionsbiologe Dawkins hatte übrigens im Vorjahr spöttisch gemeint, er würde auf Nowak als Templeton-Preisträger 2011 wetten. Im selben Pamphlet bezeichnete er Rees als "willfährigen Kollaborateur" der Stiftung, weil er ihr als damaliger Präsident der Royal Society nicht völlig ablehnend gegenübertrat.

Womöglich hat das – und Dawkins' Denunziation – die diesjährige Preisvergabe nicht unbeeinflusst gelassen. (Hubertus Breuer/DER STANDARD, Printausgabe, 13.04.2011)

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    Martin Rees nahm der Templeton-Preis 2011 an. Macht das den angesehenen Forscher zum "Kollaborateur"?

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