Die vielen Wirklichkeiten der "digital natives"

12. April 2011, 17:21
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Kongress zum Umgang von Kindern mit den neuen Medien: Pädagogik muss sich weiterentwickeln

Vater und Tochter sitzen am Frühstückstisch. Die Tochter erzählt einen Traum der letzten Nacht, in dem auch der Vater vorkommt. Plötzlich hält sie in ihrer Erzählung inne. Der Vater sagt: "Erzähl doch weiter." Die Tochter sagt: "Warum, du warst ja auch dabei."

Der Medienpädagoge Franz Josef Röll ist der Vater in dieser Parabel, und er erzählt sie, um mit ihr die Denkweise von Kindern zu verdeutlichen, die in der Gegenwärtigkeit digitaler Medien aufwachsen. "Das Internet schafft Räume jenseits des physisch Realen." Sie sind den Kindern als "digital natives" genauso gegenwärtig wie die reale Welt, und ebenso nahe, wie für sie Reales und Nichtreales aneinanderliegen, stehen Traum und Wirklichkeit zueinander.

Den Versuch, den Erwachsenen, die selbst als "digital immigrants" in die digitale Welt eingezogen sind oder sich womöglich sogar kaum in ihr zurechtfinden ("digital illiteracy" ), einen Einblick in die Denkwelt der heutigen Kindergeneration zu gewähren, unternahm der Kongress "Kinder und digitale Medien" , der letzte Woche an der Wiener Technischen Universität stattfand, veranstaltet durch den Verein art & business Kulturmanagement und dem Marketing- und PR-Unternehmen Cox Orange.

Die mangelnde Fähigkeit der Differenzierung zwischen verschiedenen Wirklichkeitswelten kann zum Problem werden. Zwar sind sich die Jugendlichen der Gefahren im Internet bewusst - "was sie nicht realisieren, ist, dass die Gefahren im Netz eine andere Qualität haben" , sagt Bernd Schorb von der Uni Leipzig. "Sie glauben, dass Mobbing im Netz dasselbe ist wie am Schulhof, und übersehen, dass es im Netz keine zeitliche und räumliche Beschränkung gibt."

Um der Denkwelt der Kinder näher zu kommen, muss man sich in die neuen Netzwerke begeben und ihre Sprache erlernen. Das heißt aber keinesfalls, dass man sich unbedingt auf Facebook registrieren und den Sprachjargon der neuen Medien verwenden muss, um in Kontakt mit den Kindern zu bleiben - ganz im Gegenteil, das würde sogar als Anbiederung verstanden werden, meint Röll. Er rät den Erwachsenen aber, sich in die "Lage der Nachvollziehbarkeit" zu versetzen. So müssten Lehrer auch nicht ihre Lehrinhalte auf SchülerVZ oder Facebook posten, damit sie die Jugendlichen optimal erreichen, aber wenn ein Lehrer heute Teachertube nicht kennt, "dann gibt es ein Problem" , sagte Röll auf der unter anderem vom Wissenschafts-, Wirtschafts- und vom Unterrichtsministerium unterstützen Veranstaltung.

Lehrer als Navigator

Die Rolle der Pädagogen muss sich dahingehend ändern, dass sie sich nicht mehr als Mehrwissende, sondern als Navigatoren und Coaches verstehen müssen, meint Ingrid Paus-Hasebrink, Professorin für Audiovisuelle Kommunikation an der Universität Salzburg. Auch Christian Swertz, Professor für Medienpädagogik an der Universität Wien, ist der Meinung, dass eine Weiterentwicklung der Pädagogik notwendig ist. "In der Wissenschaft war immer völlig klar, dass es eine Pluralität der Wahrheiten gibt." Doch diese Erkenntnis wäre bisher einer dünnen Elite, nämlich den Wissenschaftern vorbehalten gewesen. Im Zeitalter der digitalen Medien ändert sich das radikal: Mit einer Meinungsvielfalt umzugehen wird von wichtiger Bedeutung für den Großteil der Bevölkerung.

Eine wesentliche Fähigkeit, die erlernt werden muss, ist die Selbstinszenierung im Internet. "Kinder müssen lernen, sich als Selbstkonstruktion im Internet darzustellen, nicht ihre eigene Identität" , sagt Röll. Swertz betont, dass Kinder aus bildungsnahen Familien diese Selbstinszenierung eher beherrschen, wohingegen Kinder aus bildungsfernen Schichten dazu neigen, peinliche Intimitäten preiszugeben.

Was die Nutzung der neuen Medien angeht, steht vor allem das Spielen bei Kindern hoch im Kurs. "Es tut sich inhaltlich nicht viel Neues" , resümiert Schorg. "Mädchen mögen weiterhin Pferde und Buben Schießspiele." Und nur weil es nun das Internet gibt, heißt das nicht, dass die Kinder ihre Freunde in Hawaii haben, "sondern sie treffen sich am Nachmittag auf Facebook auch mit dem Freund, neben dem sie den halben Tag in der Schule gesessen sind". (Tanja Traxler/DER STANDARD, Printausgabe, 13.04.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Bewegung der Kinder im digitalen Raum erfordert eine neue Pädagogik. Im Bild: Kinder bei einer Ausstellung in Singapur.

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