Waffen der Revolution: Livestream

12. April 2011, 11:10
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Der 28-jährige libysche Internetaktivist Mohammed Nabbous starb, als er über die Kämpfe in Benghazi berichtete

Auch das Fernsehen ist nicht mehr das, was es mal war. Im Zeitalter des Internets ist es ohne großen technischen Aufwand möglich, rund um die Uhr live zu senden. Mit Notebook und einer besseren Webcam oder direkt vom Handy aus. In Tunesien entdeckten das die jungen Revolutionäre. Aber es war ein Libyer, der das System perfektionierte. War, denn Mohammed Nabbous lebt nicht mehr.

Der 28-jährige Internetaktivist Mohammed Nabbous wurde am Samstag, den 19. März 2011 bei einen Feuergefecht zwischen Truppen des libyschen Staatschefs Muammar Al Gaddafi und den Rebellen, die die Stadt Benghazi im Osten des Landes halten, schwer verletzt und verstarb wenige Stunden später im Krankenhaus. Nabbous wurde - so seine TV-Kollegen - von einem Scharfschützen in den Kopf getroffen, als er über die Kämpfe um die Stadt berichtete.

"Mo", wie der junge Ingenieur von allen genannt wurde, gründete kurz nachdem am 17. Februar die Proteste gegen den seit 42 Jahren regierenden Gaddafi begannen, das Internetfernsehen Libya Alhurra TV. Nabbous war stets ganz vorne mit dabei. Egal ob Gaddafis Bomben Wohnbezirke oder Elektrizitätswerke in Benghazi trafen, der Internetaktivist berichtete mit seiner Kamera live. Auf Arabisch und in hervorragendem Englisch mit einem Akzent, den er sich in Oxford, während eines Studienaufenthaltes angeeignet hatte, unterrichtete er die Internetöffentlichkeit über die Ereignisse in Benghazi. Zeitweise waren bis zu neun Kameras gleichzeitig rund um die Uhr online.

Bereitwillig stand Nabbous auch internationalen Satellitensendern, wie Al Jazeera Rede und Antwort. Seine Videos gingen selbst dann noch bei livestream.com auf Sendung, als Gaddafi sein Land vom Internet abschnitt. Dazu nutzte Nabbous eine illegale Satellitenanlage.

Eines seiner letzten Videos berichtete vom Tod eines vier Monate alten Babys und eines fünfjährigen Kindes durch eine Geschütz der Gaddafigetreuen. Libya Alhurra TV lieferte damit einen wichtigen Beweis dafür, dass der libysche Diktator den von seinem Außenminister verkündeten Waffenstillstand nicht einhält. "Mo's" letzter Bericht kam per Telefon. Im Hintergrund sind schwere Gefechte zu hören. Irgendwann reißt die Stimme ab.

Nabbous war die Bezugsperson für eine Reihe fortschrittlicher Jugendlicher in Benghazi. Er gehörte dem Nationalen Übergangsrat, der oppositionellen Regierung im Osten des Landes, an. In seinem ersten Livebericht, am 19. Februar, erklärte Nabbous: "Ich habe keine Angst davor zu sterben. Ich habe Angst davor, die Schlacht zu verlieren." Der Satz wurde schnell zum Motto vieler Facebook-Auftritte rund um die libysche Revolution. Nabbous hinterlässt seine Frau Perdita mit einem ungeborenen Kind. (Reiner Wandler, derStandard.at, 12.4.2011)

Der Sender bei livestream.com und ein Video.

  • Mohammed Nabbou, Gründer des Internetfernsehens Libya Alhurra TV und Integrationsfigur der Revolution in Libyen.
    quelle: facebook

    Mohammed Nabbou, Gründer des Internetfernsehens Libya Alhurra TV und Integrationsfigur der Revolution in Libyen.

  • Nabbou Videos gingen selbst dann noch auf Sendung, als 
Gaddafi sein Land vom Internet abschnitt.
    videostill

    Nabbou Videos gingen selbst dann noch auf Sendung, als Gaddafi sein Land vom Internet abschnitt.

  • Reiner Wandler, Korrespondent für Iberien und Nordafrika.
    foto: privat

    Reiner Wandler, Korrespondent für Iberien und Nordafrika.

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