Gagarins Flug fasziniert noch heute

  • Juri Gagarin auf einem undatierten Archivfoto
    foto: itar-tass/ap/dapd

    Juri Gagarin auf einem undatierten Archivfoto

Noch heute urinieren russische Raumfahrt-Piloten vor dem Abflug in den Weltraum an einen Busreifen

Moskau/Berlin - Die Tradition hat sich gehalten: Noch 50 Jahre nach dem ersten bemannten Flug ins All urinieren russische Raumfahrt-Piloten im Gedächtnis an Juri Gagarin vor dem Abflug in den Weltraum an den Hinterreifen ihres Busses. Der erste Mann im All hatte am 12. April 1961 auf dem Weg zum Start seiner Rakete Blasendruck verspürt. "Haltet mal an", soll er im Bus gesagt und sich daraufhin an dessen Hinterreifen erleichtert haben. Seitdem möchte in der russischen Raumfahrt diesen Brauch niemand mehr missen. "Es ist eine wunderbare Tradition", sagt Weltraumtourist Charles Simonyi, der vor seinem Flug im Jahr 2007 das Ritual selber vollzog. "Hervorragend zum Entspannen", lautet sein Urteil.

Triumph

Der 27-jährige Gagarin wurde mit seinem nur 108-minütigen Weltraumflug über Nacht zum Star. Die Sowjetunion feierte ihn als Held, signalisierte sein Flug doch einen entscheidenden Triumph im Wettkampf mit den USA. In den Zeiten des Kalten Kriegs wurde ein technischer Fortschritt stets politisch ausgeschlachtet. Die USA warfen entsprechend riesige Mittel in die Raumfahrt und schoben ihr Projekt einer Mondlandung an, mit der sie acht Jahre nach dem ersten bemannten Raumflug die Scharte von 1961 auswetzten.

Gagarin blieb dennoch eine internationale Berühmtheit, die in all den Jahren in Ost und West nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat. Erst im vergangenen Jahr erschien in Großbritannien ein Comicbuch, das die Geschichte von "Yuri's Day" erzählt. Pünktlich zum 50. Jubiläum seines Flugs haben nun auch russische Publizisten Interesse daran bekundet.

Duett

Anlässlich von Gagarins Jubiläumsflug und der Erforschung des Weltraums hat die US-Weltraumbehörde NASA ein Flötenduett initiiert und am Montag veröffentlicht: Astronautin Cady Coleman spielte im Harmony-Modul an Bord der Internationalen Raumstation ISS, Ian Anderson, Gründer der Band Jethro Tull, spielte seinen Teil während einer Tour in Russland ein. Dann wurde das Stück, ein Teil des Liedes "Bourrée" von Jethro Tull, kombiniert. Anderson erinnerte daran, dass die "heutigen Kosmonauten, Wissenschaftler und Astronauten" noch immer "Raketen-Helden" sind, so wie vor 50 Jahren.

Testflug-Kapsel versteigert

Auch Raumfahrt-Überbleibsel aus jener Zeit bleiben populär. Für sie zahlen Liebhaber ein Vermögen. So versteigert Sotheby's am Jahrestag in New York die Kapsel des letzten Testflugs, mit der Gagarins Start vorbereitet worden war. "Sie war von grundlegender Bedeutung für die Geschichte der Raumfahrt", sagt ein Sotheby's-Sprecher. "Ihr Flug gab grünes Licht für Gagarin." Die Besatzung der Kapsel vom Typ Wostok bestand aus einer lebensgroßen Kosmonauten-Puppe und dem Hund Swesdotschka.

An der Raumkapsel sind noch immer die Verbrennungsspuren vom Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu sehen. Sie wird nach Einschätzungen des Auktionshauses dem jetzigen Besitzer, der sie vor mehreren Jahren in Russland kaufte und anonym bleiben will, zwischen zwei und zehn Millionen Dollar einbringen.

 

Verschwörungstheorien

Wie bei der US-Mondlandung halten sich auch zu Gagarin hartnäckig zahlreiche Verschwörungstheorien. Deren Verfechter führen etwa fehlendes Foto- und Filmmaterial von Gagarins Weltumrundung als Beweis dafür an, dass der Flug gar nicht stattgefunden hat. "Hätte die Sowjetunion nicht ein Interesse daran gehabt, ihren Durchbruch durch Bilder zu beweisen, hätte er wirklich stattgefunden?", fragt der Buchautor Gerhard Wisnewski. Die Bilder, die vor dem Start aufgenommen wurden, seien darüber hinaus gefälscht. In seinem Buch "One Small Step?" argumentiert Wisnewski, dass auf einigen Fotos der Schriftzug "CCCP" (UdSSR) auf Gagarins Helm fehle und auf anderen eine Narbe in Gagarins Augenbraue auftauche, die sich der Astronaut erst Monate später zugezogen habe.

Mysteriös waren jedenfalls die Umstände von Gagarins Tod. Nur ein Jahr, nachdem er 1967 aus dem Raumfahrtprogramm ausschied, stürzte er im März 1968 während eines Trainingsflugs ab. Die Umstände des Unglücks, bei dem auch sein Fluglehrer umkam, blieben bis heute im Dunkeln. Nun aber hat der Kreml die bisher als geheim eingestuften Akten freigegeben. Demnach hat Gagarin bei dem Routineflug mit einer MiG-15 aller Wahrscheinlichkeit nach einer Wettersonde ausweichen wollen. Das "brüske" Ausweichmanöver sei die wahrscheinlichste Ursache für das Unglück, hieß es am Montag in Moskau. (Reuters/red)

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