Tod nach der Disco - im Vorbeifahren

11. April 2011, 17:00
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Ein Lehrling starb auf den Straßen von Floridsdorf, weil ein sturzbetrunkener Mann aus dem Auto geschossen hatte

Einfach so. Für den Ankläger war es Mord - die Verteidigung spricht von Fahrlässigkeit.

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Wien - "Auf die Ausfahrt kann ich mich nicht mehr erinnern", sagt der Angeklagte in bemühtem Hochdeutsch. Der Frühpensionist Andreas K. (49) sagt, er habe einen Rückfall gehabt. Und vom Nachmittag an bis tief in die Nacht zum 21. August 2010 gesoffen.

Laut seinen Angaben am Montag im Wiener Straflandesgericht waren das fast vier Flaschen Sekt mit einer Bekannten, eine halbe Flasche Wodka auf der Straße mit einem Freund und dann noch ein paar Stationen in Ottakring - "im Café Jacky auf der Thaliastraße endet meine Erinnerung". Aufgewacht sei er erst viel später wieder - in einem Lokal, in dem er zuvor noch nie gewesen sei.

Gast nach Hause gefahren

Der 29-jährige Kaffeehausbesitzer, der das Auto von Andreas K. gelenkt hatte, erinnert sich an mehr: Sein Stammgast sei nach der Sperrstunde zu betrunken gewesen, um ein Auto lenken zu können - Andreas K. habe gebeten, ob er ihn nach Hause fahren könne. Eine verblüffende Aussage für den Richtersenat - das sei doch ungewöhnlich, wenn man seine Gäste nach Hause fährt? "Er war ein Stammgast und hat Umsatz gemacht", sagt der Cafétier.

Jedenfalls "lotste" Andreas K. seinen Chauffeur in den 21. Bezirk. Dort angekommen, habe man vereinbart, doch noch etwas trinken zu gehen. Und dann bei der Fahrt in Richtung Innenstadt "hörte ich auf einmal einen Knall neben mir", sagt der 29-Jährige. Er habe geschaut und gesehen, wie Andreas K. "wahllos und sinnlos" aus dem Auto schoss. Insgesamt vier Schüsse seien gefallen.

"Andi, bist deppert? Was machst denn da?", habe er gefragt, berichtet der Kaffeehausbesitzer. Der Schütze habe nur gesagt: "Moch dir kane Sorgen." Und das sei "nur eine Schreckschuss".

Überwachungsvideo

Was sich draußen abspielte, ist auf einem Video zu sehen, das die Überwachungskamera einer Firma in der Steinheilgasse aufgenommen hatte. Staatsanwalt Gerd Herrmann zeigt den Film, um zu untermauern, dass der Angeklagte "völlig skrupellos" in die Richtung des 20-jährigen Rene M. geschossen habe. Auf dem Video sieht man den jungen Lehrling von der Disco nach Hause marschieren. Es nähert sich ein Fahrzeug, passiert ihn - und Rene M. bricht zusammen.

Der Angeklagte habe sich billigend mit dem Tod des jungen Mannes abgefunden, sagt Staatsanwalt Herrmann. Daher lautet die Anklage auf Mord.

"Fahrlässigste aller Delikte"

"Rene ist zur allerfalschesten Zeit an diesem Ort gewesen, wo dieser Irrsinn passiert ist", meint hingegen Verteidiger Werner Tomanek. "Da hat ein Schwerstalkoholisierter sorglosest in die finstere Nacht hinausgeschossen." Andreas K. habe niemand auf der Straße wahrgenommen und "das fahrlässigste aller fahrlässigen Delikte begangen", argumentiert Tomanek.

Vor der Polizei, unmittelbar nachdem er sich gestellt hatte, war die Erinnerung von Andreas K. allerdings noch frischer. Er hatte ausgesagt, dass er drei, viermal aus dem Fenster geschossen habe, um dem Lenker des Fahrzeuges zu beweisen, dass die Waffe echt sei.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD-Printausgabe, 12.4.2011)

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    Der angeklagte Andreas K. sagt, er kann sich an überhaupt nichts erinnern. Weder an die Fahrt, noch an die Schüsse. Verteidiger Werner Tomanek: "Das fahrlässigste aller fahrlässigen Delikte."

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