"Ich fühlte mich von Schwangeren umzingelt"

11. April 2011, 17:00
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Angeklagte wollte auch Mutter sein: Prozess um Baby-Entführung aus Salzburger Einkaufszentrum vertagt

Innsbruck - "Ich wollte auch zum Kreis der Mütter dazugehören", erklärte Elisabeth S. vor Gericht die Entführung der drei Monate alten Nora aus dem Einkaufszentrum Europapark in Salzburg am 9. Juni 2010. Das Mädchen war entführt worden, während seine Mutter in einem Geschäft Kleidung anprobierte. Die Angeklagte hatte das Baby aus dem vor der Umkleidekabine abgestellten Kinderwagen genommen. Obwohl das Einkaufszentrum unmittelbar danach abgeriegelt worden war, gelang der 33-Jährigen die Flucht. Aufgrund der veröffentlichten Bilder aus der Überwachungskamera gingen jedoch bald Hinweise zur Identität der Frau ein. Im Zuge einer großangelegten Fahndung wurde die Entführerin fünf Stunden später in Bayern in Grenznähe zu Tirol festgenommen. Das Baby konnte den Eltern unverletzt übergeben werden.

Die Entführung habe sie nicht geplant, sagt die Angeklagte am Montag vor Gericht: "Ich fühlte mich von Müttern mit Kindern in die Enge getrieben. " Als sie das drei Monate alte Baby alleine vor der Umkleide stehen sah, habe sie es mitgenommen: "Ich fühlte mich von Schwangeren umzingelt." Nach der Fehlgeburt ihres eigenen Kindes im Herbst 2009 sei es "schwierig gewesen". Und obwohl sie nicht mehr schwanger gewesen war, habe sie sich weiter "normal auf die Geburt vorbereitet". Ihrem damaligen Lebensgefährten habe sie per Brief ein Ultraschallbild und einen Mutter-Kind-Pass geschickt. Beides hatte die Angeklagte aus dem Internet ausgedruckt. "Ein Kind gehört zum Frausein dazu", erklärte die Angeklagte.

Puppe Simon

Mit ihrer Puppe Simon habe sie sich auf ein Kind "vorbereitet": "Ich habe gewusst, ich bin nicht mehr schwanger. Aber ich habe es nicht akzeptiert." Auch eine Lebensversicherung habe sie für das "Ungeborene" abschließen wollen. Die Verteidigung plädierte auf nicht zurechnungsfähig, Elisabeth S. leide unter einer posttraumatischen Störung.

Laut Staatsanwaltschaft soll die Frau zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig gewesen sein. Sie war nach ihrer Festnahme in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Dort wurde "übersteigerter Kinderwunsch" und Störung des Sozialverhaltens festgestellt. Angeklagt war die Frau auch wegen Untreue (158.000 Euro). Sie habe immer "alles richtig machen wollen". Deshalb habe sie Reisen ihres Ex-Arbeitgebers, eines Reisebüros, billiger verkauft. Das Strafmaß bei Kindesentführung liegt bei bis zu drei Jahren Haft, bei Untreue bis zu zehn Jahren. Die Verhandlung wurde vertagt. (ver, DER STANDARD-Printausgabe, 12.4.2011)

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