Zwang zur Ausbildung - Hilfreich aber umstritten

12. April 2011, 11:25
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Poly-Direktor und Bezirksschulrat unterstützen Hundstorfer-Vorstoß und fordern Verlängerung der Schulpflicht

Etwa 5.000 von insgesamt 100.000 Pflichtschulabsolventen werden nach ihrer Schulkarriere Hilfsarbeiter. Weitere 5.000 kommen weder am Arbeitsmarkt noch in einer Ausbildung unter. Sozialminister Rudolf Hundstorfer nennt diese 10.000 Personen pro Jahrgang die "Generation ohne Zukunft". Um Jugendlichen doch eine bessere Ausbildung angedeihen zu lassen, will er nun eine Ausbildungspflicht für 15 bis 19-Jährige einführen. Wer dieser nicht nachkommt, soll auch mit Sanktionen rechnen: "Wenn alle Stricke reißen", so Hundstorfer, würde er auch die Familienbeihilfe streichen. 

Der Mangel an attraktiven Lehrstellen sei nur einer von vielen Gründen, weshalb sich so viele Jugendliche im Leerlauf befinden, erklärt Peter Pührer, Direktor einer Polytechnischen Schule in Wien Fünfhaus im Gespräch mit derStandard.at. "In einer Klasse mit 25 Schülern gibt es vielleicht vier oder fünf, deren Eltern sich wirklich um das Fortkommen ihrer Kinder kümmern. Bei unseren Schülern ist der Elternhintergrund nicht gerade elitär". Deshalb müsse wer anderer ihre Aufgabe übernehmen, damit diese Jugendlichen nicht überbleiben, so Pührer. 

Hilfreiche Sanktionen

Jugendliche könne man nicht zwingen, eine Ausbildung zu machen, erklärt Pührer. Sehr wohl könne man jedoch durch Sanktionen bewirken, dass Schüler in die Schule gehen. Zirka sieben bis acht Mal im Jahr würde er Schulschwänzern wegen Nicht-Einhaltung der Schulfplicht anzeigen. Wer das freiwillige zehnte Schuljahr in seiner Schule absolviert und auch nach mehrfacher Aufforderung nicht in die Schule kommt, müsse mit einer Meldung an das Finanzamt rechnen. "Die Eltern sind dann plötzlich wieder sehr dahinter, dass ihre Kinder in die Schule gehen".

Konkurrenz Schulabbrecher

Während einerseits jährlich 10.000 junge Menschen am Abstellgleis landen, sucht die Wirtschaft händeringend nach Lehrlingen. Der Schultyp Polytechnikum werde von der Wirtschaft jedoch nicht getragen, bedauert Pührer. Seine Absolventen bekämen wenige Chancen. "Wenn die Eltern die Gelegenheit haben, geben sie ihre Kinder in weiterführende Schulen". Gut 50 Prozent seiner Absolventen bezeichnet Pührer als für einen Lehrberuf gut geeigent. Etwa 20 Prozent seien "unvermittelbar". Grund dafür seien schlechte schulische Leistungen, fehlende Deutschkenntnisse und mangelnde Sozialkompetenzen.
Seine Absolventen haben zudem eine große Konkurrenz: Viele Dienstgeber bevorzugen Schulabbrecher aus Gymnasien und Berufsbildenden Höheren Schulen.

Zukunftschance für Poly

Im Gespräch mit derStandard.at spricht sich Pührer für eine Ausweitung der Schulpflicht auf zehn Jahre aus. In die selbe Kerbe schlägt Bezirksschulinspektor Wolfgang Maitz. Auch er würde eine Ausdehnung der Schulpflicht befürworten. Bereits jetzt gebe es zahlreiche Projekte, die schwer vermittelbare Problemgruppen unterstützen soll. Er sieht eine Zukunftschance der Poly darin, sie auf zwei Jahre zu verlängern, was in Schulversuchen bereits stattgefunden habe. "Das Modell 'Fachmittelschule' liegt bereits seit 1995 in der Schublade, aber der Bund scheut das. Dabei handelt es sich um ein offenes Konzept, das nicht für alle zwingend ist."

Verfassungsproblem

Die Streichung der Familienbeihilfe für jene Jugendliche, die sich der von Hundstorfer vorgeschlagenen Ausbildungspflicht wiedersetzen, ist aus verfassungsrechtlicher Sicht umstritten. Die Kinderbeihilfe sei "keine Sozialleistung, die nach Gutdünken oder Ermessen gegeben oder entzogen werden kann", erklärt Arbeits- und Sozialexperte Wolfgan Mazal in der Presse. Gemäß der Judikatur des Verfassungsgerichtshofes sei die Beihilfe ein Ausgleich zur Unterhaltspflicht. Diese Unterhaltspflicht bestehe gegenüber Menschen in Ausbildung. (burg/derStandard.at, 12. April 2011)

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