Wirtschaftskammer warnt vor Lehrlingsmangel

11. April 2011, 13:35
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"3.000 Lehrlingsplätze jetzt oder später verfügbar" - Gewerkschaft widerspricht: "Es braucht mehr Arbeitsplätze"

Wien - Die Wirtschaftskammer warnt vor einem drohenden Lehrlingsmangel in Wien. In der Bundeshauptstadt würden sich immer weniger junge Menschen für einen Lehrberuf entscheiden, berichteten die Wiener Kammerpräsidentin Brigitte Jank und der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, Christoph Leitl, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Wien. Jank sprach sich dafür aus, an den Schulen ein eigenes, verpflichtendes Unterrichtsfach zur Berufsorientierung einzuführen.

3.000 Lehrlingsstellen in Wien frei

Derzeit stehen laut Wirtschaftskammer in Wien rund 18.500 Lehrlinge in Ausbildung - vor 25 Jahren waren es jedoch noch fast 27.000, wie betont wurde. Verwiesen wurde auch auf aktuelle AMS-Zahlen, wonach in Wien über 3.000 Lehrstellenplätze sofort oder zu einem späteren Zeitpunkt verfügbar sind. Dem stehen nur rund 2.200 Lehrstellensuchende gegenüber.

Immer weniger entscheiden sich für Lehre

"Anfang der 1990er Jahre haben sich 45 Prozent der Wiener Jugendlichen für einen Lehrberuf entschieden, heute sind es gerade einmal 30 Prozent", so Jank. Es werde immer schwerer, offene Stellen zu besetzen und die ausreichende Zahl an Fachkräften auszubilden. Als einen der Gründe für den gebremsten Zustrom zur Lehre nannte sie gesellschaftliche Vorurteile. Zu oft werde die Lehre als "Rest-Ausbildung" für jene angesehen, die für eine weiterführende schulische Ausbildung nicht geeignet seien.

"Berufsorientierungspass"

Jank forderte, Bildungs- und Berufsorientierung ab der 7. Schulstufe in allen Schulen zum Thema zu machen - als verpflichtendes Fach. Zudem schlägt die Kammer vor, einen "Berufsorientierungspass" einzuführen. In ihm sollen die konkreten Maßnahmen im Bereich der Berufsorientierung dokumentiert werden. Ein solcher Pass würde den Jugendlichen auch bei Bewerbungsgesprächen helfen, zeigte sich Jank überzeugt.

WKÖ-Präsident Leitl verwies darauf, dass es auch Aufgabe der Politik sei, die nötigen Maßnahmen zu setzen um Talente und Potenziale aller Jugendlichen zu erkennen und zu fördern. Es dürfe niemand auf der Strecke bleiben. Nötig seien dafür künftig eine standardisierte Kompetenzfeststellung, verpflichtende Berufsorientierung und einheitliche Bildungsstandards. Auch eine Ausbildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr, wie sie auch Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) fordert (derStandard.at berichtete), - entweder in Form der Lehrlingsausbildung oder vollschulisch - müsse umgesetzt werden, forderte Leitl.

Kritik vom FSG: "1.115 suchen Lehrstelle"

Kritik an der Darstellung der Wirtschaftskammer übt der Jugendvorsitzende der Fraktion Sozialdemokratischer GewerkschafterInnen (FSG), Christoph Peschek. Für den SPÖ-Gemeinderat sind deren Zahlen "nicht nachvollziehbar". "In Wien sind rund 4.500 Jugendliche in überbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen in AMS Trägerorganisationen sowie 1.115 Jugendliche auf der Suche nach einer Lehrstelle, aktuell stehen dem aber nur 444 offene Ausbildungsplätze gegenüber. Irgendwelche Zukunftszahlen aus der Glaskugel sind daher nicht besonders seriös", so Peschek. Es brauche mehr Ausbildungsplätze in der Wirtschaft. (APA/red)

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