Spionagearbeit und enttarnte Doppelagenten

11. April 2011, 12:32
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Buchautor Koch kommt unter anderem zum Schluss: Anne Franks Verhafter arbeitete nach Kriegsende für den deutschen Geheimdienst

Wien - Der Österreicher Karl Josef Silberbauer, jener SS-Mann, der während des Zweiten Weltkriegs Anne Frank verhaftet und damit für ihren Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen mitverantwortlich war, arbeitete nach Kriegsende für den deutschen Geheimdienst. Zu diesem Ergebnis kommt der ehemalige "Spiegel"-Redakteur Peter-Ferdinand Koch in seinem soeben im Ecowin-Verlag erschienen Buch "Enttarnt - Doppelagenten: Namen, Fakten, Beweise".

"Organisation Gehlen"

Demnach wurde Silberbauer, der nach dem Krieg in Wien als Polizist tätig und später vom "Nazijäger" Simon Wiesenthal als jener Mann enttarnt worden war, der das wegen seines Tagebuchs weltberühmte Mädchen aufgegriffen hatte, von der "Organisation Gehlen", der geheimdienstlichen Vorgängerorganisation des späteren Bundesnachrichtendienstes (BND), als bedeutende "Sonderverbindung" geführt. Silberbauer fungierte nach den Recherchen von Koch für die "Organisation Gehlen" als Werber potenzieller Nachrichtendienstler in österreichischen NS-Kreisen.

Aus der Organisation Gehlen ging 1956 der deutsche BND hervor, dessen erster Präsident Reinhard Gehlen war, eine der Schlüsselfiguren des deutschen Nachrichtendienstwesens. Die "Organisation Gehlen" und später der BND setzten beim Kampf gegen den Kommunismus auf Leute, die klar antikommunistisch waren und bereits Ost-Erfahrung mitbrachten, in vielen Fällen handelte es sich dabei um NS-Kriegsverbrecher, so Kochs Schlussfolgerung.

Spionagefälle im Österreich-Kapitel

Im Österreich-Kapitel seines Buchs setzt sich der Autor auch mit mehr oder weniger bekannten Spionagefällen von Oberst Alfred Redl bis zum früheren Wiener Bürgermeister Helmut Zilk auseinander. Zilk, gegen den vor einigen Jahren Vorwürfe der Spionage für den früheren tschechischen Geheimdienst laut wurden, wird dabei entlastet. Der ehemalige ORF-Journalist und Politiker sollte nach Informationen Kochs lediglich "Perspektiv-Agent" werden. Das bedeutete: Nicht heute, aber vielleicht morgen oder übermorgen, wenn dieser eine "bedeutende" Position erreicht hätte. Vorausgesetzt Zilk hätte sich darauf überhaupt eingelassen.

Beim deutschen Nachrichtendienst BND galt Zilk deshalb bestenfalls als "Spiönchen". Erst die österreichische Staatspolizei habe aus Zilk eine "Art Übervater" des legendären Spions Kim Philby gemacht, schreibt der Buchautor. Es habe in der Causa unterschiedliche Ermittlungsergebnisse der verschiedenen Geheimdienste gegeben, nur eines habe dabei den Medienrummel bestimmt: "Ausgerechnet das der wenig vertrauenswürdigen Staatspolizei machte Furore. Und dafür konnte Helmut Zilk nun wirklich nichts."

Beschreibung und Geschichte der Spionagearbeit

Koch liefert auf 472 Seiten eine fakten- und detailreiche Beschreibung und Geschichte der Spionagearbeit. Österreichische und deutsche Geheimdienste litten nach 1945 unter einer regelrechten Flut an Doppelagenten. Vor allem die Russen hatten quasi im Fließbandverfahren Maulwürfe angeworben. Mit ihren verschwiegenen NS-Biographien wurden potenzielle Spionage-Kandidaten erpresst. Selbst NS-belastete Redakteure des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" arbeiteten laut Koch mit dem BND zusammen. "'Spiegel'-Redakteure waren geradezu besessen, sich mit dem BND einzulassen", so der Autor.

Die österreichische Staatspolizei wird bei Koch, so wie schon bei etlichen Historikern in der Vergangenheit, als Quasi-Filiale östlicher Geheimdienste gezeichnet. Die StaPo-Truppe war demnach immer mit kommunistischen Spionen durchsetzt und entpuppte sich wie der deutsche BND als Hochburg für Maulwürfe. Das ehemalige DDR-Ministerium für Staatssicherheit hatte Österreich wie eine eigene "Kolonie" behandelt.

Wien als heißes Pflaster

Nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Zeiten des Kalten Krieges war Wien wie West-Berlin ein heißes Pflaster. "Jeder Geheimdienst hatte Präsenzpflicht, zumal: Agenten mussten die österreichische Justiz nicht fürchten. Denn der Oberste Gerichtshof hatte ihnen Freibriefe ausgestellt: Solange sie nicht unmittelbar gegen Österreich spionierten, blieben sie ungeschoren. Und geriet einer einmal wirklich in Verdacht, gab die Staatspolizei dem betreffenden Agenten gelegentlich einen diskreten Hinweis: Er möge Österreich bitte schleunigst verlassen."

Koch hat für sein Buch jahrelang Quellen der CIA (in den National Archives in Washington) sowie Akten des deutschen Bundesnachrichtendienstes durchforstet. Darüber hinaus nutzte er persönliche Informantenkontakte und konnte auf das "Tagebuch" des ehemaligen BND-Vizepräsidenten Dieter Blötz zurückgreifen. (APA)


Publikation

Peter-Ferdinand Koch.
"Enttarnt - Doppelagenten: Namen, Fakten, Beweise".
Ecowin Verlag 2011.
472 Seiten, 24,90 Euro.
ISBN 978-3-7110-0008-8.

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