Irische Seele, simbabwisches Herz, Tiroler Akzent

11. April 2011, 11:32
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Simbabwe und Österreich, zwei Länder, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Eine irischstämmige Familie kennt beide, und fühlt sich doch in keinem richtig zuhause

Siobhán Mullins macht zwei Männer für die desolate Lage verantwortlich, in der sich Simbabwe heute befindet: Der erste sei Ian Smith, der Premierminister von Simbabwe war und jahrelang für die Dominanz der weißen Minderheit über die schwarze Mehrheitsbevölkerung kämpfte. Der zweite ist, Mullins Meinung nach, Robert Mugabe, der das Land bis heute als Diktator führt und dermaßen heruntergewirtschaftet hat, dass das einstige Vorbildland für Afrikas Wirtschaften im Human Development Index den letzten von 169 Rängen einnimmt.

Rassismus und Misswirtschaft

In gewisser Hinsicht sind es die Konsequenzen aus dem Rassismus von Smith und dem Wahnsinn in Kombination mit Rassismus von Mugabe, die Siobhán Mullins veranlassten mit ihren zwei Söhnen nach Tirol, der Heimat des Vaters ihrer Kinder, zu flüchten. "Ich wollte nicht, dass meine Söhne mit einem 'Rassen-Komplex' aufwachsen müssen, obwohl sie nichts mit den rassistischen Handlungen weißer Politiker der Vergangenheit zu tun haben." Dieses ständige Gefühl nicht dazuzugehören, gepaart mit dem Wunsch eine gute Ausbildung für ihre Kinder gewährzuleisten, veranlasste die in Südafrika geborene Mullins nach Schwaz in Tirol umzuziehen. Heute arbeitet und lebt sie als Rhetorik-, Weiterbildungs- und Englischlehrerin in Innsbruck und unterrichtet unter anderem am dortigen Management Center. Ihre Söhne, 16 und 19 Jahre alt, absolvieren Lehren als Mediendesigner beziehungsweise Lüftungstechniker.

Trauriger Abschied aus Afrika

Mullins meint, dass Simbabwe so etwas wie die erste Liebe für sie bedeutet. "Du verliebst dich Hals über Kopf und schaffst es nicht ein zweites Mal solch Gefühle für ein Land zu entwickeln." Als in Simbabwe vor drei Jahren Präsidentschaftswahlen stattfanden und Mullins im Radio hörte, dass Mugabe abgewählt worden sei, wollte sie schon ihre Koffer packen. In Folge einer "Nachzählung" der Wählerstimmen konnte sich der dreifache "Doch-nicht-Ehrendoktor" Mugabe (alle Titel wurden ihm in den letzten Jahren aberkannt) schlussendlich doch an der Macht halten.

Was der Mutter und ihren Söhnen heute am meisten fehlt, ist die Freiheit und die räumliche Weite, die sie in Afrika hatten. Brendan und Liam, die vier beziehungsweise sieben Jahre alt waren, als sie nach Österreich übersiedelten, haben außerdem ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Tirol.

Geh zurück nach Afrika!

Alle drei sind sich einig, dass es in Österreich eine sehr hohe Lebensqualität gibt, Liam ist außerdem passionierter Snowboarder und liebt die Berge rund um Innsbruck. Seine Mutter klingt zuweilen wie eine Vertreterin der "Tirol Werbung", wenn sie über das gute Tiroler Wasser und die frische Luft schwärmt. Dass dies allerdings nicht genug ist um ein richtig positives Bild von Österreich zu haben, liegt an den ersten Jahren, die sie in Schwaz verbracht haben. Als Liam in der Volksschule und Hauptschule war, wurde er wegen seiner afrikanischen Heimat gemobbt, Mitschüler nannten ihn "einen Affen, der nach Afrika zurückgehen soll". Die Verbitterung über den, nach Meinung der Familie, manchmal ins Negative ausufernden Stolz Tiroler zu sein und das daraus resultierende Desinteresse für Menschen anderer Herkunft machen den drei heute noch zu schaffen. "Ich fand zwar tolle Freunde in Tirol, mag es aber nicht wie die meisten Menschen hier miteinander umgehen.", meint Liam in breitem Tiroler Dialekt und sein Bruder ergänzt, dass viele Österreicher sich nur für sich selber interessierten und von klein auf Cliquen bildeten, in die aufgenommen zu werden, nahezu unmöglich sei.

Wenig Unternehmergeist

Siobhán Mullins fehlt in Österreich außerdem auch der Unternehmergeist, den sie in ihrer alten Heimat ausleben konnte. Sie arbeitete dort als Marketing-Beraterin für Safari-Tourismus und publizierte eine Zeitschrift für Afrika-Reisende. Sie meint, dass in Tirol schon "alles entwickelt ist, sie sich selber aber als Entwicklerin sieht". Es klingt manchmal klischeehaft, wenn sie erzählt, dass die Menschen in Simbabwe herzlicher und freundlicher seien, mehr lachten und die Österreicher als verkopfter, distanzierter oder weniger empathisch beschreibt. Mullins betont zwar, dass das Britische Empire Simbabwe brutal kolonialisierte, viele der weißen Nachkommen sich in dieses Land aber im Laufe ihres Lebens wie sie verliebten.

Naive Vorstellung von Europa

Noch in Afrika lebend stellte sich Mullins unter Europa einen "unheimlich fortschrittlichen" Kontinent vor, dessen wirtschaftliche Stärke sich auch in der gesellschaftlichen und mentalen Offenheit widerspiegeln würde. Diese Glorifizierung ist mittlerweile der Realität gewichen, die irisch-simbabwisch-österreichische Selbstständige hat es nicht geschafft sich für Österreich so zu begeistern wie es ihr für Simbabwe gelungen ist. Trotz des guten Tiroler Wassers und der frischen Luft.

  • "Ich wollte nicht, dass meine Söhne mit einem 'Rassen-Komplex' aufwachsen müssen, obwohl sie nichts mit den rassistischen Handlungen weißer Politiker der Vergangenheit zu tun haben."
    foto: privat

    "Ich wollte nicht, dass meine Söhne mit einem 'Rassen-Komplex' aufwachsen müssen, obwohl sie nichts mit den rassistischen Handlungen weißer Politiker der Vergangenheit zu tun haben."

  • Was der Mutter und ihren Söhnen heute am meisten fehlt, ist die Freiheit und die räumliche Weite, die sie in Afrika hatten.
    foto: privat

    Was der Mutter und ihren Söhnen heute am meisten fehlt, ist die Freiheit und die räumliche Weite, die sie in Afrika hatten.

  • Siobhán Mullins (li.) verließ mit ihren zwei Söhnen Simbabwe um in Tirol, der Heimat des Vaters ihrer Kinder, zu leben.
    foto: privat

    Siobhán Mullins (li.) verließ mit ihren zwei Söhnen Simbabwe um in Tirol, der Heimat des Vaters ihrer Kinder, zu leben.

  •  Siobhán Mullins arbeitet und lebt sie als Rhetorik-, Weiterbildungs- und Englischlehrerin in Innsbruck
    foto: privat

    Siobhán Mullins arbeitet und lebt sie als Rhetorik-, Weiterbildungs- und Englischlehrerin in Innsbruck

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