Türkei und Alkohol - eine Kontroverse

11. April 2011, 00:43
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Beim Thema Alkohol spalten sich in der Türkei die Geister. Die einen sehen in Konsumgesetzen eine Maßnahme zum Jugendschutz. Die anderen befürchten Islamisierung.

Eines steht fest: Alkoholkonsum hat in der Türkei einen völlig anderen Stellenwert, als in Österreich. Das merkt man nicht zuletzt am Preis. In Istanbul zahlt man für eine Dose Bier im Supermarkt umgerechnet 1,5 Euro. Genau so viel zahle ich für 20 Liter Trinkwasser (Zum Vergleich: Dönerkebap kriegt man auch unter einem Euro). In Österreich hingegen gibt es einen halben Liter Bier mitunter auch billiger als einen halben Liter Wasser. Welche Relation sinnvoller ist, sei einmal dahingestellt.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind nicht härter als etwa in Schweden oder den USA. Der Verkauf ist ab dem vollendeten 18. Lebensjahr erlaubt, außer bei Konzerten, Veranstaltungen etc., da muss man mindestens 24 Jahre alt sein. Auf der Straße Alkohol zu trinken ist verboten. Soweit, so harmlos, möchte man meinen. Einzig die Tatsache, dass die islamisch-konservative AKP regiert und Alkoholkonsum im Islam eine Sünde ist, sorgt immer wieder für Debatten.

Strafe für trinken am Strand

Vor ein paar Wochen mussten zwei junge Männer in Antalya eine Geldstrafe von jeweils 75 Lira (etwa 35 Euro) zahlen, nachdem sie am Strand Bier getrunken hatten. Wie gesagt, das ist verboten, und PolitikerInnen argumentieren hier nicht viel anders als in Österreich. Recht muss Recht bleiben.

Kurios ist aber folgendes: Bei beiden wurde ein Blutalkohol-Test durchgeführt. Sie hatten beide unter 0,5 Promille und mussten dennoch zahlen. Wären sie mit dem gleichen Alkoholwert Auto gefahren, hätten sie keine Strafe zahlen müssen. Nach Bekanntwerden des Falles haben sich auf Facebook "Nimm dein Bier und komm zum Strand" Protestgruppen gebildet.

Jugendschutz oder Islamisierung?

Die aktuelle Regierung scheint verhindern zu wollen, dass Menschen Alkohol trinken. Die Alkoholsteuer wurde in den letzten Jahren so häufig erhöht, dass der Staat in den letzten zehn Jahren ein Plus von 1268 Prozent an Einnahmen verbuchen konnte (Kollege Markus Bernath berichtete). Nur das "warum" ist strittig.

Die AKP und ihre AnhängerInnen argumentieren, dass Alkohol schädlich ist und dass man einfach nicht wolle, dass schon Kinder zu trinken anfangen, wie das anderswo üblich ist. Außerdem gäbe es in vielen westlichen Demokratien ähnliche, wenn nicht sogar schärfere Gesetze. Mit "Islamisierung" habe das nichts zu tun.

Für Aufregung sorgte etwa die Debatte um die Basketballmannschaft "Efes Pilsen". Sie ist gezwungen ihren Namen zu ändern oder gar zu schließen, weil "Efes" eine Biermarke ist. Bier und Sport passe nicht zusammen, man wolle der Jugend kein schlechtes Bild vermitteln, heißt es von Seiten der Regierung.

RegierungskritikerInnen sehen darin nur einen Vorwand. Mit Jugendschutz habe das nichts zu tun. Man wolle den Menschen ein Leben nach strengem islamischen Regeln Schritt für Schritt näher bringen. Vom Trinken hält das junge Menschen nur bedingt ab. Wie gesagt hat Alkohol einen anderen Stellenwert als in Österreich. Die Zahl jener, die gar nicht trinken ist vergleichsweise hoch. Der beliebte Stadtteil Taksim, in dem sich eine ganze Reihe Bars und Clubs befinden, ist aber trotzdem jedes Wochenende gefüllt, wie in Wien die Silvestermeile zu Neujahr.

Mich erinnern manche Argumente und Taten an die Debatte um Tabakkonsum in Europa. Die Steuer wird immer wieder erhöht, man weist auf die schädlichen Folgen hin. Eine Regierung bezieht sich darauf und will nicht, dass das Volk trinkt beziehungsweise raucht. Verbote werden erlassen, Geldstrafen verteilt. Der Unterschied liegt freilich auf der Hand: Tabakkonsum ist keine Sünde. (Yilmaz Gülüm, 12. April 2011, daStandard.at)

  • Alkohol sorgt in der Türkei immer wieder für kontroverse Debatten.
    foto: yilmaz gülüm

    Alkohol sorgt in der Türkei immer wieder für kontroverse Debatten.

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