"Gespenster" säen Angst und Schrecken

10. April 2011, 21:43
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In Syrien gingen am Wochenende wieder Sicherheitskräfte brutal gegen Demonstranten vor - Dazu stiftet eine alawitische Miliz, Shabeha - Gespenster - genannt, konfessionelle Unruhe

Damaskus/Wien - Nach ein paar Tagen der Ruhe sind am Wochenende die Proteste - und damit die Gewalt gegen Demonstranten - massiv auf die Straßen mehrerer syrischer Städte zurückgekehrt. Am heftigsten waren die Auseinandersetzungen wie schon zuvor in der südlichen Stadt Deraa, wo laut Menschenrechtsaktivisten 26, nach anderen Quellen 37 Demonstranten erschossen wurden. Die Sicherheitskräfte hatten demnach das Feuer auf einen Trauerzug eröffnet, der sich zur Demonstration entwickelt hatte.

Das staatliche Fernsehen meldete hingegen den Tod von 19 Sicherheitskräften, die bei Überfällen bewaffneter Gruppen umgekommen seien.

Aus anderen Städten werden Vorfälle gemeldet, die einen konfessionellen Hintergrund haben dürften. In Banias, wo am Samstag Panzer auffuhren, sollen die Wächter einer sunnitischen Moschee von einer alawitischen Miliz, Shabeha - Gespenster - genannt, angegriffen worden sein. Bekannt sind diese Shabeha besonders in der Stadt Latakiya, einer alawitischen Hochburg. Es handelt sich um Banden schwarzgekleideter Jugendlicher, die ganz deutlich versuchen, die Volksgruppen gegeneinander aufzubringen. Syriens Präsident Bashar al-Assad behauptete, dass hinter ihnen das Ausland stehe, das Syrien in einen Bürgerkrieg treiben wolle - für die meisten Syrer sind die Shabeha nichts anderes als eine private Miliz der Assad-Familie, die Terror säen will, um die Proteste zu delegitimieren.

Deraa, wo die Protestwelle vor gut drei Wochen ausgebrochen ist, liegt in einem sunnitischen Stammesgebiet, in dem die Wut auf die Vormachtstellung der Alawiten groß ist. Auch unter den - schwerstens diskriminierten - Kurden ist die Opposition gegen das Regime nicht mehr zu besänftigen. Umso interessanter ist es, dass in Städten wie Hama und Aleppo, in denen traditionell die von Hafiz al-Assad, dem Vater Bashars, blutig unterdrückte Muslimbrüderschaft stark ist, die Lage relativ ruhig ist.

Dass der Alawit Assad in den religiösen Sunniten den größten Pool an Unzufriedenen sieht, zeigen seine Aktionen der vergangenen Woche: Viele der Liberalisierungsmaßnahmen zielen auf streng Religiöse ab. Lehrerinnen dürfen wieder einen Gesichtsschleier tragen, was im Vorjahr verboten worden war, religiöse Fernsehkanäle werden zugelassen. Einem Wunsch der Religiösen folgend hat Assad auch das einzige, erst im Jänner eröffnete syrische Spielkasino in Damaskus wieder schließen lassen. Christen und Säkulare sehen diese Entwicklung mit Sorge. Syrien ist das einzige arabische Land, in dem der Islam nicht Staatsreligion ist. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2011)

  • Vor der syrischen Botschaft in Amman demonstrierten am Wochenende 
Syrer mit Fotos von Bürgern, die beim Eingreifen der Sicherheitskräfte 
in ihrer Heimat verletzt oder getötet wurden.
    foto: epa/nasrallah

    Vor der syrischen Botschaft in Amman demonstrierten am Wochenende Syrer mit Fotos von Bürgern, die beim Eingreifen der Sicherheitskräfte in ihrer Heimat verletzt oder getötet wurden.

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