Xperia Play: Android mit holprigem Konsolen-Flair

20. Mai 2011, 10:07
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Sony Ericssons Playstation-Handy schwächelt bei Display und Game-Angebot, lässt sich aber einfach rooten

Große, höherauflösende Displays, stärkere Prozessoren und leistungsstarke Grafik haben in den vergangenen Jahren aufwändigere und detailreiche Smartphone-Spiele ermöglicht. Doch zwischen einer mobilen Spielekonsole wie Sonys PSP oder dem Nintendo 3DS und einem Handy, auf dem man auch spielen kann, klafft immer noch eine Lücke. Sony Ericsson hat versucht diesen Graben mit dem Xperia Play, dem ersten Playstation-zertifizierten Android-Smartphone, zu überbrücken. Ob das gelungen ist, soll der WebStandard-Test zeigen.

Konsolen-Feeling

Sony Ericsson hat für das Xperia Play von der eigenen PSP go abgeschaut (die das Unternehmen allerdings mangels Erfolg einstellt). Bei beiden Geräten befindet sich ein Gamepad hinter dem Display, das zum Spiele aufgeschoben wird. Leider wirkt das Plastik-Gehäuse des Xperia Play etwas billig und der Schiebemechanismus des Gamepad fühlte sich beim Testgerät im geschlossenen Zustand nicht sehr stabil an. Die Spielesteuerung an sich ist allerdings gut umgesetzt und entspricht der klassischen Playstation-Steuerung. Auf dem Gamepad befinden sich - wie es Playstation-Spieler kennen - ein Vier-Wege-Steuerkreuz, die vier Playstation-Tasten, Start- und Select-Button, zwei Schultertasten sowie zwei Touchpads für eine feinere Steuerung mit den Daumen.

Die dunkle Seite des Gamepads

Die beiden Schultertasten befinden sich auf der oberen Kante des Gamepads, die in geöffnetem Zustand hinter dem Touchscreen liegt - für Personen mit großen Händen sind sie sehr ungünstig angebracht. Die Steuerung über die Touchpads reagiert etwas zu sensibel. Playstation-Neulinge müssen sich wohl etwas einspielen, bis sie mit den Gamepad-Tasten zurecht kommen. Mitunter ist zudem nicht immer logisch, wann ein Spiel über den Touchscreen und wann über das Gamepad gesteuert  werden kann, beispielsweise beim vorinstallierten The Sims 3.

Kompromiss beim Gehäuse

Durch das Gamepad ist das Xperia Play im Vergleich zu anderen Smartphones weit weniger elegant und handlich. Bei Abmessungen von 119 x 62 x 16 Millimeter und 175 Gramm merkt man recht schnell, wo hier der Kompromiss eingegangen wurde, ein Smartphone mit vollwertiger Spielesteuerung auszustatten. Wie bereits erwähnt wirkt die Gehäuseverarbeitung nicht sehr hochwertig, was vor allen beim Abnehmen der sehr dünnen und biegsamen Rückenabdeckung deutlich wird. Zumindest lassen sich SIM-Karte und microSD-Karte wechseln, ohne den Akku dabei entfernen zu müssen.

Single-Core-Motor

Als "Motor" wurde ein Qualcomm Snapdragon Prozessor mit 1GHz verbaut, allerdings handelt es sich dabei noch nicht um einen Dual-Core-Chip wie bei vielen neuen Android-Modellen der Konkurrenz. Unterstützt wird der Hauptprozessor durch einen eingebetteten Adreno-205-Grafikprozessor. Beim Arbeitsspeicher gibt das Unternehmen 512 MB an. Laut der App Android System Info werden jedoch nur 399 MB maximaler Speicher gelistet. Gegenüber Engadget hat Sony Ericsson bestätigt, dass das Modell tatsächlich 512 MB RAM besitzt, von denen jedoch nur 399 MB (bzw. 400 MB laut den Bloggern) von Applikationen genützt werden können. Als interner Speicher stehen laut Herstellerangaben "bis zu" 400 MB zur Verfügung, der durch microSD-Karten erweitert werden kann. Android System Info liefert hier etwas abweichende Informationen, demnach besitzt das Modell 380 MB internen Speicher. Ob 400 oder 380 MB - für Apps, die nicht auf die SD-Karte ausgelagert werden können, ist der Speicher jedenfalls nicht gerade üppig. Sony Ericsson liefert dafür eine 8GB-microSD-Karte mit.

Rasante Spiele

Die "Innereien" ermöglichen dennoch rasantes Gameplay ohne Ruckler und Aussetzer, was etwa bei Rennspielen positiv auffällt. Angesichts der guten Game-Performance ist es überraschend, dass das Gerät beim Wechsel zwischen den Homescreens teilweise stockt. Wieso sich Sony Ericsson gegen einen Dual Core-Chip entschieden hat, der momentan in allen Highend-Modellen zum Einsatz kommt, ist daher unverständlich. Das Galaxy S II von Samsung bietet zwar keine eigene Spielesteuerung, ist jedoch aufgrund der besseren Hardware und des größeren, besseren Displays für Games fast die bessere Wahl.

Dunkles Display

Gemischte Gefühle kamen im Test auch beim Screen auf. Wirkte das Display beim ersten Hands-On am Mobile World Congress in Barcelona noch leuchtstark und kontrastreich, mussten beim längeren Test nun doch einige Mängel festgestellt werden. Der 4 Zoll große TFT-Touchscreen bietet zwar eine ordentliche Auflösung von 480 x 854 Pixel, doch insgesamt ist der Screen recht dunkel. Die höchste Helligkeitsstufe ist für die Nutzung in Räumen ausreichend, doch muss man sich von dem Gedanken verabschieden im Freien zu spielen. Das ist zwar bei vielen Smartphones der Fall, doch gerade bei einem auf mobiles Spielen ausgerichteten Gerät, das nicht gerade in der günstigsten Preisklasse angesiedelt ist, hätte man mehr erwartet. Die integrierten Stereo-Lautsprecher wiederum liefern einen für Smartphones guten Sound.

Kamera

Pro und Contra gibt es auch bei der Kamera aufzuzählen. Die 5,1-Megapixel-Kamera schafft bei entsprechenden Lichtverhältnissen passable Schnappschüsse, allerdings hat Sony Ericsson auf die Option verzichtet, HD-Videos aufzeichnen zu können. Zwar stehen auch bei Videoaufnahmen Einstellungsmöglichkeiten für Weißabgleich, Farbeffekte und Kameralicht zur Verfügung. Die bestmögliche Qualität für Videos ist allerdings 800 x 480 Pixel bei 30 Frames pro Sekunde. Man kann zwischen vier Qualität wählen: hoch, niedrig sowie für MMS und YouTube optimiert.

Android mit Sony Ericsson-UI

Auf dem Smartphone läuft Android 2.3 Gingerbread. Wie auf den anderen Android-Smartphones des Herstellers auch, kann Android nicht in seinem ursprünglichen Zustand genutzt werden, sondern wird von Sony Ericssons eigenem Interface überdeckt. Wie man zu den eigenen Oberflächen der Gerätebauer steht, ist höchst subjektiv. Nach Geschmack der Testerin ist Sony Ericssons Eigenbau-Oberfläche keine Verbesserung zum Gingerbread-Interface. So kann man bei Gingerbread UI vom Homescreen im Normalfall schnell auf einen App-Manager, die Suche, weitere Einstellungen, Wallpapers und Benachrichtigungen zugreifen sowie Apps und Widgets über einen Add-Button hinzufügen. Sony Ericsson hat das Menü auf Hinzufügen, Hintergrund und Einstellungen reduziert. Verzichtbar ist auch das unübersichtliche Widget Timescape, das Twitter- und Facebook-Updates anzeigt.

Root-freundlich

Sony Ericsson hat allerdings einen sehr offenen Zugang zum Rooten seiner Android-Smartphones und gibt auf seiner Homepage selbst eine Anleitung wie der Bootloader mehrere Xperia-Modelle entsperrt werden kann. Damit lässt sich alternative Firmware aufspielen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine Geräte-Version ohne SIM-Lock. Wie immer der Warnhinweis: durch das Rooten eines Geräts verliert man eventuell den Garantieanspruch.

Games

Ein neues Widget ist Playstation Pocket, mit dem man vom Homescreen einen schnellen Zugriff auf die installieren Spiele hat. So kann man hier auf alle, kürzlich hinzugefügte und kürzlich gespielten Games zugreifen. Weitere Spiele kann man über die Anwendung Xperia Play abrufen, wobei es hier aus der App heraus weder eine übersichtliche Gliederung noch eine Suchfunktion gibt. Stattdessen bekommt man einige Games aus verschiedenen Quellen (Android Market und Gameloft Online-Shop) in einer Scroll-Bar präsentiert. Das Gerät wird mit den Spielen Crash Bandicoot (ein alter PSOne-Titel), Tetris, Star Battalion, FIFA 2010, Bruce Lee und The Sims 3 ausgeliefert. Laut Sony Ericsson soll auch Asphalt 6 mitgeliefert werden, beim Testgerät fehlte es jedoch. Über den Android-Store können natürlich alle Android-Games installiert werden. Weitere Playstation-Titel stehen allerdings noch nicht zur Auswahl. Dafür will das Unternehmen einen eigenen Playstation-Store starten. Auf der Spielemesse E3 Anfang Juni will Sony mehr dazu bekannt geben.

Akkulaufzeiten

Sony Ericsson hat dem Xperia Play einen 1500 mAh-Akku spendiert. Bei durchschnittlicher Nutzung (gelegentliches Abrufen von E-Mails, Facebook-Updates und Surfen) sollte man zwei Tage ohne neuerliches Aufladen auskommen. Spielen ist dabei noch nicht inkludiert. Hier geht der Saft natürlich schneller aus. Sony Ericsson verspricht eine Spielzeit von etwa fünf Stunden. Nach einer Stunde mit Crash Bandicoot war der Akku bei zusätzlicher Nutzung anderer Funktionen noch nicht einmal zur Hälfte entleert, was ob der offiziellen Angaben optimistisch stimmt.

Probleme mit Computer-Übertragung

Ein Problem gab es im Test mit der Übertragung von Dateien vom Smartphone auf den Computer. In Verbindung mit einem Mac über das USB-Kabel wurde das Xperia Play trotz entsprechenden Einstellungen am Gerät nicht als Massenspeicher erkannt. Im Mediendateiübertragungsmodus dauerte es mehrere Minuten, bis das Gerät in iPhoto angezeigt wurde. Der entsprechende Prozess am Gerät stürzte zudem in mehreren Fällen ab. Mit anderen Android-Smartphones gibt es hingegen keine Probleme. Weitere Verbindungs-Möglichkeiten stehen über WLAN und Bluetooth zur Verfügung. HDMI out steht nicht zur Verfügung, was angesichts fehlender HD-Video-Optionen aber ohnehin sinnlos wäre. 

Fazit

Die Kombination aus Android-Smartphone und mobiler Konsole ist Sony Ericsson mit dem Xperia Play zwar grundsätzlich gelungen. Die Spielsteuerung über das Gamepad ist allerdings das einzige, was das Gerät derzeit von anderen Android-Smartphones abhebt. Und hier muss man als Kompromiss ein klobiges Gehäuse in Kauf nehmen. Das derzeit noch magere Angebot exklusiver Spieletitel dürfte auf der E3 im Juni erweitert werden. Der unverbindliche Verkaufspreis von 649 Euro war einigen Händlern wohl doch zu gesalzen, sodass man das Gerät in Österreich ab etwa 480 Euro erhält. Wer ein Highend-Smartphone auf dem letzten Stand der Technik sucht, das sich auch für Games eignet, kann durchaus das Galaxy S II ins Auge fassen. Allerdings sollte man einmal abwarten, was das Unternehmen zur E3 noch präsentieren wird. (Birgit Riegler/derStandard.at, 20. Mai 2011)

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  • Das Xperia Play ist Sony Ericssons erstes Playstation-zertifiziertes Android-Smartphone. Mit dem von der PSP go bekannten, aufschiebbaren Gamepad soll die Lücke zwischen Handy und Konsole geschlossen werden.
    foto: derstandard.at/riegler

    Das Xperia Play ist Sony Ericssons erstes Playstation-zertifiziertes Android-Smartphone. Mit dem von der PSP go bekannten, aufschiebbaren Gamepad soll die Lücke zwischen Handy und Konsole geschlossen werden.

  • Auf dem Xperia Play läuft Android 2.3 Gingerbread mit einem angepassten Interface von Sony Ericsson.
    foto: derstandard.at/riegler

    Auf dem Xperia Play läuft Android 2.3 Gingerbread mit einem angepassten Interface von Sony Ericsson.

  • Durch das Gamepad ist das Xperia Play im Vergleich zu anderen 
Smartphones weit weniger elegant und handlich. Bei Abmessungen von 119 x
 62 x 16 Millimeter und 175 Gramm merkt, wo der 
Kompromiss eingegangen wurde, ein Smartphone mit vollwertiger 
Spielesteuerung auszustatten.
    foto: derstandard.at/riegler

    Durch das Gamepad ist das Xperia Play im Vergleich zu anderen Smartphones weit weniger elegant und handlich. Bei Abmessungen von 119 x 62 x 16 Millimeter und 175 Gramm merkt, wo der Kompromiss eingegangen wurde, ein Smartphone mit vollwertiger Spielesteuerung auszustatten.

  • Mit der 5,1-Megapixel-Kamera sind gute Schnappschüsse mit realistischen Farben möglich. Videos können allerdings nur mit maximal 800 x 480 Pixel aufgenommen werden.
    foto: birgit riegler

    Mit der 5,1-Megapixel-Kamera sind gute Schnappschüsse mit realistischen Farben möglich. Videos können allerdings nur mit maximal 800 x 480 Pixel aufgenommen werden.

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