Die Jagd nach den NS-Verbrechern nähert sich ihrem Ende

10. April 2011, 19:11
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In Budapest beginnt Anfang Mai einer der letzten Prozesse gegen Nazi-Kriegsverbrecher

Jerusalem - 54 Jahre alt war Adolf Eichmann, als er im Mai 1960 von Fahndern des israelischen Geheimdienstes Mossad in Buenos Aires gefasst und nach Israel entführt wurde. Die Ergreifung des Organisatoren der Judenvernichtung und der Beginn des Prozesses gegen ihn vor nunmehr 50 Jahren ist eine der spektakulärsten Geschichten bei der bis heute andauernden Jagd nach den Verantwortlichen des Holocaust. Erfolgserlebnisse bei der Suche nach untergetauchten NS-Verbrechern wird es aber bald keine mehr geben: 66 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind die letzten überlebenden Täter Greise, die allermeisten aber - in Haft oder in Freiheit - gestorben.

"Wir nähern uns dem Ende", sagt David Silberklang, Historiker an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. "Die biologische Uhr ist gnadenlos, und es gibt zwangsläufig nur noch wenige Nazi-Verbrecher, die jünger sind als Demjanjuk." John Demjanjuk soll 1943 im Vernichtungslager Sobibor an der Judenvernichtung mitgewirkt haben, seit Ende 2009 steht der inzwischen 91-Jährige in München vor Gericht. Als die Staatsanwaltschaft vor knapp sieben Wochen wegen der Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen sechs Jahre Haft forderte, verfolgte Demjanjuk das Plädoyer von einem Krankenbett aus.

"Hunderte, sogar tausende" Altnazis noch auf der Flucht

Der berühmte Nazi-Verfolger Efraim Zuroff, Gründer und Leiter des israelischen Ablegers des Simon-Wiesenthal-Zentrums für die Verfolgung von NS-Verbrechern in Israel, gibt sich zerknirscht: "Hunderte, sogar tausende" Altnazis seien noch auf der Flucht. Wenn aber am 5. Mai in der ungarischen Hauptstadt Budapest der Prozess gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Sandor Kepiro beginne, könne dies einer der letzten Prozesse gegen NS-Verbrecher überhaupt werden - auch "weil Zeugen fehlen oder weil die Zeugen nicht mehr aussagen können", sagt Zuroff.

Bereits vor knapp zehn Jahren hatte das Simon-Wiesenthal-Zentrum die "Operation letzte Chance" gestartet. Für Hinweise, die zur Ergreifung eines NS-Verbrechers führten, wurde eine Belohnung ausgesetzt, in Deutschland wurde dazu eine Telefon-Hotline eingerichtet. Die Aktion sieht Zuroff als Erfolg an: In diesen zehn Jahren seien weltweit fast 90 NS-Kriegsverbrecher angeklagt und 77 verurteilt worden. So wurde im vergangenen Jahr der frühere SS-Mann Heinrich Boere vom Aachener Landgericht wegen der Ermordung von drei niederländischen Zivilisten 1944 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der legendäre, 2005 in Wien gestorbene Nazi-Verfolger Simon Wiesenthal selbst hatte mit seinen Recherchen zur Festnahme Adolf Eichmanns und Franz Stangls beigetragen, des früheren Kommandanten der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka. Stangl wurde 1967 in Brasilien festgenommen und später nach Deutschland ausgeliefert. Dort wurde er 1970 wegen Beteiligung an der Ermordung von 900.000 Menschen zu lebenslanger Haft verurteilt. Sechs Monate nach der Urteilsverkündung starb er an einem Herzanfall.

Klaus Barbie

Auch andere Nazi-Jäger konnten Erfolge erzielen und so die oft schleppende Arbeit der Behörden vorantreiben. Der Franzose Serge Klarsfeld und seine Frau Beate spürten Anfang der 70er Jahre in Bolivien den ehemaligen Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, auf. Der "Schlächter von Lyon" wurde aber erst Jahre später festgenommen, nach Frankreich ausgeliefert und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Auch er starb im Gefängnis.

"Wir spielen gerade die Verlängerung", sagt Nazi-Jäger Zuroff. "Es wird immer schwieriger. Die Chancen, weitere NS-Kriegsverbrecher zu fassen, werden von Tag zu Tag geringer." (APA)

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