Theater als Zeitmaschine und ein Butler als Freund

10. April 2011, 18:36
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Österreichische Erstaufführung von Joël Pommerats "Kreise/Visionen"

Linz - Es ist wahrlich kein Titel, der einen ins Theater lockt: Kreise/Visionen (im Original: Cercles/Fictions) nennt der französische Theaterautor und -macher Joël Pommerat seine Montage von Szenen, in denen er das heutige, zuweilen widersprüchliche Verhalten unserer Gesellschaft jeweils mit historischen Gepflogenheiten in Verbindung setzt und es daraus suggestiv ableitet. Ein sehr allgemein belassenes Thema, grenzenlos und in der Komposition seiner Einzelteile scheinbar wahllos. Die österreichische Erstaufführung von Gerhard Willert an den Linzer Kammerspielen hat an diesem schwindelerregenden Konzept auch schwer zu tragen.

Beispielsweise verknüpft Pommerat den zur Ich-AG vereinzelten Menschen von Heute mit der Gestalt eines Dienstboten um 1900, genauer: mit einem von seinen Herrschaftsleuten zu Individualität und "Freiheit" im Denken ermutigten Hausangestellten. Das Trugbild dieser Freiheit ist jeder dieser Szenen dann auch beklemmend eingeschrieben.

Szenen wie Thesen

Wie eine Zeitmaschine fährt das Theater hier durch Momentaufnahmen aus Jahrhunderten: ein an seinen Idealen zugrunde gehender Ritter in Vollmontur aus dem Jahr 1360, ein Aristokratenhaushalt um 1901 sowie um 1914 (Katharina Vötter, Lutz Zeidler, Bettina Buchholz, Thomas Kasten u. a.), vier im Wald verirrte Menschen anno 2002 (Eva-Maria Aichner, Klaus Köhler u. a.), ein Mann auf der ominösen Karriereleiter 2005 (Peter Pertusini), Arbeitslose im Schulungsprogramm 2007 (Jenny Weichert u. a.) und ein Vertreter für Visionen beim Kundenkontakt 2009 (Joachim Rathke).

Pommerants Stück ist in seiner Konzeption der Prototyp eines zeitgenössischen Theatertextes. Er misstraut großen Handlungsbögen, stapelt stattdessen kleine und kleinste Szenen wie Thesen aufeinander. Das Linzer Ensemble geht dabei faszinierend kühl vor. Die "Figuren" entsprechen keinen psychologischen Charakterstudien mehr, keine Einfühlung ist also gefragt, sondern das Zitieren bzw. Markieren von der Möglichkeit einer Figur, eines Typus, eines Modells.

Regisseur Gerhard Willert (der auch die Übersetzung vornahm) generiert in dieser postdramatischen Gemengelage theatralische Effekte aus der Idee der Zeitmaschine: Durch eine große, kreisrunde Linse blickt das Publikum auf die wechselvollen Geschehnisse; der durch Microports technisierte Ton rückt diese noch weiter weg in eine unbestimmte zeitliche und räumliche Ferne, und die Drehbühne steht im Dienst des Fortwährenden, des geschichtlichen Flusses (Bühne und Kostüme: Alexandra Pitz). Ein wenig zu sehr verlässt sich Willert dabei aber auf die Musik als Stimmungsmacher. Sie bleibt des öfteren eine nicht zwingende Beigabe.

Joël Pommerat (47) gehört mit seiner Kompanie Louis Brouillard zu den interessantesten Erscheinungen des zeitgenössischen französischen Theaters, u. a. ist er auch Artist in Residence an Peter Brooks Bouffes du Nord. In dem eben nicht gerade attraktiv betitelten Stück Kreise/Visionen befinden sich deshalb nicht ganz unerwartet auch höchst kluge, glühende Dialoge, die vor allem in ihren gegenseitigen, motivischen Spiegelungen so einiges über die Prinzipien des Miteinanders aussagen. Etwa die als Aufforderung zur "Freiheit" getarnten Avancen eines Hausherren seinem Butler gegenüber. Oder die beim Zusammentreffen eines Managers und einer Obdachlosen aufkeimende Macht des Aberglauben in einer von Logik dominierten Leistungsgesellschaft. Allemal irritierend. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 11. April 2011)

  • Wer Visionen hat, muss sie nur noch verkaufen: Bettina Buchholz und Joachim Rathke in den Kammerspielen Linz.
    foto: brachwitz

    Wer Visionen hat, muss sie nur noch verkaufen: Bettina Buchholz und Joachim Rathke in den Kammerspielen Linz.

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