"Es war nicht leicht, ruhig zu bleiben"

10. April 2011, 18:08
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Gabriel Bach, stellvertretender Ankläger im Eichmann-Prozess, über seine erste Begegnung mit dem NS-Verbrecher, Kritik am Verfahren und seine Ansicht, dass der Prozess Jugendlichen in Israel ein Gefühl der Scham genommen hat

Tobias Müller fragte nach.

STANDARD: Wie fühlten Sie sich, als Sie erfuhren, dass Sie die Anklage gegen Eichmann vertreten werden?

Bach: Vor meinem ersten Treffen mit Eichmann saß ich im Büro und las die Biografie von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz. Er beschreibt, wie er 1000 jüdische Kinder pro Tag tötete und wie er Kniezittern bekam, wenn er sie in die Gaskammer stoßen musste. Aber dann fügt er hinzu: ,Ich habe mich immer geschämt für diese Schwäche, nachdem ich mit Obersturmbannführer Eichmann gesprochen hatte. Er hat mir erklärt: "Was bringt es, alte Menschen umzubringen, wenn man die Keimzelle der Wiedererrichtung dieser Rasse am leben lässt?" Zehn Minuten später wurde Eichmann in mein Büro geführt. Da war es nicht leicht, ruhig zu bleiben. Ich werde nie den Beginn des Prozesses vergessen, wo die Richter in den Saal kamen, hinter ihnen das israelische Wappen, und wie dieser Mann vorgeführt wurde, dessen einziges Bestreben es war, das israelische Volk zu vernichten. Wie der aufstand, und Haltung annahm, vor einem souveränen israelischen Gericht eines souveränen jüdischen Staates – noch nie zuvor war mir die Bedeutung der Errichtung des Staates Israel klarer.

STANDARD: Wie haben Sie ihn erlebt? Stimmen Sie Hannah Arendts Diktum von der "Banalität des Bösen" zu?

Bach: Arendt hat eine völlig falsche Darstellung gegeben über die Hauptdokumente, die wir im Prozess vorgelegt haben, und über unsere Hauptzeugen. Was sie dazu bewogen hat, ist mir bis heute unklar. Was Eichmann angeht: Er war kein kleiner Befehlsempfänger. Am Anfang vielleicht, da hat er gedacht, es sei gut für die Karriere. Aber dann hat er sich völlig identifiziert mit der Sache. Er hat zu Freunden gesagt: "Ich weiß, der Krieg ist verloren, aber ich werde meinen Krieg noch gewinnen." Dann fuhr er nach Auschwitz, um die Tötungen von 10.000 pro Tag auf 12.000 zu erhöhen.

STANDARD: Er war also nicht austauschbar? Es war entscheidend, dass er diesen Posten innehatte?

Bach: Ja. Wenn ich Untersuchungen über den Holocaust geführt hätte ohne Angeklagten und man hätte mir nachher gesagt: Du kannst einen Menschen haben, den du vor Gericht stellen kannst, um alle Aspekte zu zeigen: Gar keine Frage, dass ich Eichmann gewählt hätte.

STANDARD: Der Holocaust ist ein Verbrechen, das nicht zu fassen ist. Inwieweit kann man das mit einem Prozess aufarbeiten?

Bach: Das ist natürlich nicht so leicht, und trotzdem: Wenn man all die Jahre nur las und hörte, was da geschah, und nichts dagegen tun konnte – und dann kam die Möglichkeit, den Mann, der wirklich für alle Aspekte dieser grausigen Vorkommnisse verantwortlich war, vor ein Gericht zu stellen und auf die demokratischste und juristisch einwandfreiste Weise zu beweisen, was da vorgefallen war; dem Mann gleichzeitig die schwerste Strafe zu geben, die es in einem demokratischen Land gibt, das hat einen doch befriedigt.

STANDARD: Der Prozess war umstritten. Eichmanns Anwalt bezweifelte die Zuständigkeit des Gerichts, andere sprachen von Befangenheit. Was sagen sie dazu?

Bach: Juristisch ist das einwandfrei. Ich erzähle Ihnen eine dafür sehr typische Geschichte: Ein Professor hat mit mir einmal über diese Frage des "Gerichts der Opfer" debattiert. Er sah in der Anklageschrift, dass wir Eichmann nicht nur wegen der Tötung von Juden, sondern auch von Polen, Russen oder Tschechen angeklagt hatten. Er fragte: "Warum haben Sie das nicht an ein polnisches, tschechisches, russisches Gericht übergeben?" Und ich sagte: "Hören Sie mal, vor fünf Minuten haben Sie gefragt, ob ein jüdisches Gericht berechtigt ist, Eichmann abzuurteilen, und jetzt wollen Sie wissen, warum wir das nicht übergeben haben?" Der Mann hatte die Anständigkeit zu erröten.

STANDARD: Auch die Entführung Eichmanns ist Israel vorgeworfen worden.

Bach: In den USA kommt es oft vor, dass Verbrecher in einen anderen Staat fliehen und dann von Polizisten auf illegale Weise zurückgebracht werden. Solche Fälle wurden bis vor das Oberste Gericht gebracht, das entschied: Wenn jemand auf illegale Weise in ein anderes Land gebracht wird, können Leute, die dafür verantwortlich sind, ebenfalls vor Gericht gebracht werden. Das ändert aber nichts an der Zuständigkeit der Gerichte für den Verbrecher.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Auswirkungen des Prozesses ein?

Bach: In Israel hatte er sehr großen Einfluss. Viele Jugendliche wollten vom Holocaust nichts hören. Sie konnten nicht verstehen, dass Millionen Menschen auf die Schlachtbank gehen, ohne Widerstand zu leisten. Es war nicht das Hauptziel, aber wir wollten auch darlegen, dass sie keinen Grund haben, sich zu schämen. Wir haben gezeigt, wie Eichmann und seine Kollegen Menschen in die Irre führten – etwa indem sie Leute zwangen, an die Familie Postkarten zu schreiben: "Wir sind an einem wunderschönen Ort, tolle Ausflüge, nicht viel Arbeit – kommt nach, so schnell ihr könnt!" Nach dem Prozess wollten israelische Kinder plötzlich Lager in Polen besichtigen, sie interessierten sich für die Juden Europas.

STANDARD: Und in Deutschland?

Bach: Dort folgte eine Kettenreaktion von Prozessen gegen diese Art von Verbrechern. Wir haben viele Dokumente über das, was in den Todeslagern passiert ist, bekommen. Sie sind sehr wichtig wegen all jener, die abstreiten, dass es den Holocaust gegeben hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2011)

Gabriel Bach (84) war stellvertretender Ankläger im Eichmann-Prozess und 1982 bis 1997 Richter am Obersten Gerichtshof in Israel. Er floh 1938 aus Berlin und lebt in Jerusalem.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gabriel Bach mit einem Foto vom Eichmann-Prozess.

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