Letzte Prozesse gegen NS-Kriegsverbrecher

10. April 2011, 18:05
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Die Verhandlung gegen Sándor Képíró in Budapest ab Mai dürfte eine der letzten sein

Jerusalem/Wien - "Wir nähern uns dem Ende" , sagt David Silberklang, Historiker an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. "Die biologische Uhr ist gnadenlos." Der Verhandlungsbeginn gegen Sándor Képíró am 5.Mai in Budapest, könnte also der Auftakt zum letzten großen Prozess gegen einen NS-Kriegsverbrecher werden. Képíró soll im serbischen Novi Sad als ungarischer Gendarm am Tod von mehr als 1000 Juden, Roma und Serben beteiligt gewesen sein. Seit 2010 galt er als der meistgesuchte Nazi-Kriegsverbrecher.

Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Israel, kritisiert, dass "hunderte, sogar tausende" Altnazis noch auf der Flucht seien. Doch man stoße, allein weil "Zeugen fehlen oder weil die Zeugen nicht mehr aussagen können" , an Grenzen. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hatte deshalb die "Operation: Letzte Chance" gestartet (siehe Wissen).

In München wird seit 2009 gegen John Demjanjuk (91) prozessiert, dem Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen in Sobibor vorgeworfen wird. Das Plädoyer der Anklage, die sechs Jahre Haft fordert, verfolgte Demjanjuk von einem Krankenbett aus. Das Urteil wurde für Anfang Mai erwartet, vergangene Woche hieß es aber, es dürfte sich verzögern.

Der Prozess brachte auch Ermittlungen gegen Samuel Kunz ins Rollen, Ex-SS-Wachmann im Vernichtungslager Belzec. Ab November 2010 hätte er sich in Bonn wegen zehnfachen Mords und Beihilfe zum Mord in mindestens 430.000 Fällen verantworten sollen. Kurz zuvor starb er. In einer Obduktion wurde Unterkühlung als Todesursache festgestellt. Ermittlungen, ob Kunz getötet wurde, laufen, wie Focus vor wenigen Tagen bekanntmachte.

Jener Mann, der noch vor Kunz auf Platz zwei der Kriegsverbrecherliste steht, lebt zwar noch - in Österreich. Milivoj Ašner (97), der an der Verfolgung und Deportation hunderter Juden, Sinti und Roma beteiligt gewesen sein soll, wird aber nicht an Kroatien ausgeliefert, weil ihm Vernehmungsunfähigkeit wegen Demenz attestiert wurde. (AFP, dpa, spri/DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2011)

Wissen:Verstärkte Suche
Angesichts dessen, dass bei der Jagd auf NS-Kriegsverbrecher die Zeit knapp wird, startete das Simon-Wiesenthal-Zentrum im Jahr 2002 in Europa unter dem Motto "Operation: Letzte Chance" eine neue Suche nach NS-Verbrechern. Für Hinweise über Nazi-Verbrecher bezahlte die aus Spenden finanzierte, internationale Menschenrechtsorganisation an Informanten bis zu 10.000 Euro. Die Aktion begann zunächst in den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen und wurde dann auf ganz Europa, später auch Lateinamerika ausgeweitet. In Österreich wurde im September 2003 damit begonnen.

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Israel wertet die Aktion als Erfolg. In den vergangenen zehn Jahren seien weltweit fast 90 NS-Kriegsverbrecher angeklagt und 77 verurteilt worden. (red)

 

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    Das Urteil gegen John Demjanjuk, seit 2009 in München vor Gericht, dürfte sich verzögern.

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