Elchtanz um das nackte Leben

10. April 2011, 17:12
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"Scores" nennt sich ein mehrtägiger Themenpark des Tanzquartiers Wien - Zuletzt wurde die Verantwortung der zeitgenössischen Kunst näher betrachtet - Eine Bilanz

Wien - Unruhe rund um den Globus. Die Aufspaltung der Wirklichkeit in mediale Spiegelkabinette, in schlingernde Systeme und Spekulationsblasen. Das ist kein Spaziergang mehr. Wie die zeitgenössische Choreografie und Gegenwartsperformance darauf reagiert, versuchte das Tanzquartier Wien in einem mehrtägigen Parcours über Antworten und Verantwortung im Rahmen der Reihe Scores darzustellen.

Scores ist zu einem Aushängeschild für das Tanzquartier geworden. Nach der Pilotkuratierung Haut der Bewegung hieß es Touché, dann What escapes und nun Uneasy going. Bisher ging es also um Choreografie sowie darum, was uns berührt oder entgleitet - und jüngst um das unentspannte Sich-Fortbewegen auf schwankendem Boden. Für Spätherbst ist die nächste Ausgabe dieser fesselnden Fortsetzungsgeschichte aus Kunst und Dialog, Philosophie und Training geplant.

In dem kompakten Festival treffen Performancearbeiten aus Theater, Tanz und bildender Kunst aufeinander; aber nicht als bunte Mischung, sondern klug und kritisch miteinander in Beziehung gebracht - und dies immer unter der Voraussetzung zeitgenössischen choreografischen Denkens. Die Resultate sind keine kühlen intellektuellen Übungen, sondern ein riskanter Kurs, in dem Wuchtiges und Wahnwitziges, Zartes und Zerzaustes, Gedankenspiele und Gefühlsaufwallungen ineinanderschwappen dürfen.

In den jüngsten Scores wurde diese Verteilung von Gegensätzen bei Latifa Laâbissis Stück Loredreamsong schön intensiv erfahrbar. Zwei lustig aussehende Leintuchgespenster (Laâbissi und Sophiatou Kossoko) verwandeln sich in dämonische Minstrel-Ladies, die dem Publikum gemeine Witze erzählen - "Warum gibt es keine Araber in Star Trek? Weil es darin um die Zukunft geht" -, mit Waffen hantieren und eine bitterböse Antwort auf den in vielen Kulturen grassierenden, rassistischen Wahn liefern.

Ebenso gespenstisch geht es in Hooman Sharifis Lingering of an earlier Event zu, da aber mit einem deutlicheren Fingerzeig auf die aufklärerische Dimension politischer Choreografie.

Erschütternde Geschichten von Abschiebungen im ach so menschenrechtsbewussten Deutschland liest die bildende Künstlerin Tanja Ostojiæ in ihrem Projekt Naked Life vor. Ein Einblick in die Praxis der Abschiebung als Symptom der Kernschmelze europäischer Werte. Ostojiæ hält sich nicht mit bürokratischen Rechtfertigungen auf, sondern konzentriert sich auf die vielen, von kalten Staatsapparaten produzierten menschlichen Tragödien.

Den philosophischen Grund für die künstlerische Kritik an der grassierenden Verantwortungslosigkeit in einer Gesellschaft von Abzockern lieferten die beiden Philosophen Marcus Steinweg und Boyan Manchev - freundlich vorgetragen, aber scharf in der Aussage: Niemand ist unschuldig; immer wieder werden ethische Werte missbraucht; die Verantwortung der Kunst ist es, der Dummheit zu widerstehen; die Unterschiede zwischen Kunst und Philosophie sind minimal, und beiden ist der Widerstand gegen eingefahrene Denkmodelle gemeinsam.

Fremdes im Schrebergarten

Für die avancierte Kunst gibt es eben keinen Stillstand. Aber anders als in den historischen Avantgarden steht heute nicht mehr das Prinzip des Neuen, sondern die Ausleuchtung des Fremden, des Anderen im Mittelpunkt.

In diesem Sinn untersuchte die Wiener Performerin Brigitte Wilfing bei Scores, ob sich Subkulturen als Brutstätten von Fremdbildungen im eigenen Schrebergarten zu einem neuen Underground verschmelzen lassen. Dazu passte eine ironische Installation des Off-Kunstraums The Fridge in Sofia, der ohne öffentliche Finanzierung im Kellerraum einer ehemaligen Schokoladenfabrik junge, subkulturelle Performance und Kunst präsentiert.

Die unheimlichste Aufführung lieferte die Gruppe Orthographe aus Ravenna mit ihrer Projektions-Objekt-Sound-Show Controllo remoto zum Abschluss von Scores. Bilder aus dem ersten fotografisch dokumentierten Krieg, dem amerikanischen Bürgerkrieg, und Videomaterial aus amerikanischen Militärhubschraubern sind in eine laute Installation aus Laserstrahlen, Rauch, Wind und Lichtsäulen eingebaut.

Am Ende verwandelt sich eine höllisch rot angeleuchtete Blase in einen mächtigen Fetisch. Wie der Leibhaftige steht ein Elch wie ein Logo im Zentrum der Bühne. Nur einmal tritt in diesem Stück ein Mensch auf - um Lampen an- und abzuschalten. Danach war das Publikum geschafft. Zum Glück. Denn das Thema Verantwortung kann heute kein Spaziergang sein. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 11. April 2011)

  • Die Gruppe "Orthographe" aus Ravenna überzeugte mit der Produktion "Controllo remoto".
    foto: fabbri/ tanzquartier

    Die Gruppe "Orthographe" aus Ravenna überzeugte mit der Produktion "Controllo remoto".

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