Menü aus steirischer Erde

12. April 2011, 16:04
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Fidler fällt vom Fleische (ab) und wendet sich jungem Gemüse zu wie rosa Tannenzapfen - Schaut er gar in Skandinavien ab?

Nein, ich hab mir den doch recht unerwarteten Hang zum nicht zwingend jungen Gemüse (und Getreide) nicht bei einem Stockholmer Essblogger abgeschaut oder gar bei einem  Kopenhagener. Es lachte mich an, das fleischlose Menü, das sich hier "Aus steirischer Erd" nennt. Da kann man doch nur begeistert Ja, ich will! sagen, schon weil bald Mai ist und ein angebliches Hochzeitsschloss nicht weit.

Warum erst jetzt?

Gibt's Schöneres, als Freitagmittag völlig ungestört (bis auf einen undramatischen Anruf aus der Redaktion) unter betagten Kastanien im Gastgarten eines sympathischen Landgasthauses zu sitzen, sich über die Frühjahrssonne zu freuen, die Aussicht auf eine kleine Kirche, über grüne Hügel und auf das Menü? Für das sympathische Landgasthaus wäre es vielleicht schöner, wenn nicht nur ich da sitzen würde, klar. Aber ich hab meine Ruh, während die Kollegen in Wien auf den Redaktionsschluss zurudern.

Wo bin ich eigentlich? St. Johann, und zwar bei Herberstein, Nummer 12. Riegerbauer. Hat mir der Steiermark-Falter empfohlen, der sich gerade aus dem Zeitungsleben zu empfehlen droht. Warum war ich in Herberstein, Obermayerhofen und Stückchen weiter unten bei Riegersburg und Kapfenstein so oft und nie hier? Es ist nie zu spät, die Hoffnung bestätigt sich zumindest hierorts.

Buchweizengrütze! Freiwillig!

Hier zeigt schon die Mostsuppe steirische Kraft: Wurzelgemüsepüree, dass der Löffel stecken bleibt, ich mag das ja, und säuerlich vom Apfelmost aus St. Johann, gar kein Grund, die Stimmung anzupassen. Aus der Erd (ja, das ist das Vegetariermenü) kommt auch Gang zwo: Buchweizengrütze, hier ohne t geschrieben, aber mir ist ja trotz stetem Nachladebedarf der Schmecks-Schau noch lieber, in einer Wirtschaft kann man gut kochen denn recht schreiben. Mir fehlt's ja an beidem.

Zurück zur Erde, der steirischen: Aus St. Ruprecht kommt der Buchweizen für kremiges Risotto, lese ich da, begleitet von gebratenen Steinpilzen, Anfang April ungenannter Herkunft, und Pöllauer Bergkäse. Eigentlich sehr gut, nicht so brutal schwer, wie ich fürchtete, und wieder ein bisschen säuerlich, aber ich mag das ja, und viel lieber als süß. Beim sonst von mir ja sehr geschätzten Skopik & Lohn fühlte ich mich manchmal schon ein bisschen wie bei einer mehrgängigen Dessertverkostung.

Vor der Stoppelrübe erste Ausfahrt

Zurück nach St. Johann, bevor wir Fidlers Abzweigung verpassen: Vor dem Strudel von der Stoppelrübe mit Kriecherlchutney bin ich abgebogen. Richtung "aus heimischem Wasser". Das ist noch immer fleischfrei. Und musste - vermute ich drauflos - weniger weit reisen als "aus Fluss und Mehr", wobei der Neusiedlerseezander dort wohl etwas weniger Sprit brauchte als Miesmuscheln und vermutlich vielleicht auch die "Medistyran" Fischsuppe mit "allerhand Fisch und Schalentieren" oder das "Filet vom Zackenbarsch" "aus Kochtopf und Pfandl". Fleisch hat mich grad nicht so interessiert. 

Doch den Strudel?

Jetzt könnte ich natürlich doch langsam sagen, was ich als dritten Gang eingelegt hab: Seesaiblingfilet in Rotwein und Pilzen mit rosa gebratenen Tannenzapfen und Himbeervinaigrette. Entscheidend waren natürlich die rosa Tannenzapfen, klar. Und natürlich hab ich mir nicht überlegt (und kaum Empfang fürs Googeln, sehr sympathisch), dass das einfach Erdäpfel sein könnten. In diesem Fall, Ende April, geschmacklich nicht die sensationellsten, muss ich zugeben. Der Fisch absolut ordentlich in Geschmack und Portionsgröße. Kurzum: fein hier.

Aber vielleicht hätte ich doch den Strudel noch probieren sollen? Muss ich mich sorgen? Werde ich jetzt womöglich noch Vegetarier? Diese und andere Grundfragen der Unmenschheit klären wir spätestens kommende Woche in dieser kleinen, dreckigen Kolumne. Bleiben Sie dran!

PS: Erde hin, Wasser her: Die Riegerbauer-Dependance "am Teich" freut sich im Web, dass sie bestes Schwein von "Feinkostspezialist Karl Schirnhofer" bekommt. Das stimmt mich ein bisschen nachdenklich.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Schöner Sitzen: Blick vom Gastgarten auf den Landgasthof
 Riegerbauer. Drei Gänge plus Apfelsaft, Wasser und Kaffee: 36,40 
Euro. Übernachten kann man im Haus in zwei Suiten für bis zu vier 
Personen, pauschal für 99 Euro.
    foto: harald fidler

    Schöner Sitzen: Blick vom Gastgarten auf den Landgasthof Riegerbauer. Drei Gänge plus Apfelsaft, Wasser und Kaffee: 36,40 Euro. Übernachten kann man im Haus in zwei Suiten für bis zu vier Personen, pauschal für 99 Euro.

  • Schöner Schauen: Blick auf die Kirche von St. Johann.
    foto: harald fidler

    Schöner Schauen: Blick auf die Kirche von St. Johann.

  • Die kraftvolle Most-Wurzelgemüsesuppe.
    foto: harald fidler

    Die kraftvolle Most-Wurzelgemüsesuppe.

  • Der Buchweizen mit Bergkäse.
    foto: harald fidler

    Der Buchweizen mit Bergkäse.

  • Saibling auf Tannenzapfen.
    foto: harald fidler

    Saibling auf Tannenzapfen.

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