Armee räumt Tahrir-Platz

10. April 2011, 20:45
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Kriminalität und Katerstimmung nach der Revolution

Mindestens ein Toter, mehrere Dutzend Verletzte, zahlreiche Verhaftungen und eine zunehmende Aversion gegen die regierenden Generäle - das ist die Bilanz der jüngsten Ereignisse auf dem Tahrir-Platz. In der Nacht zum Samstag hatten Soldaten den Platz gewaltsam geräumt. Zuvor hatten sich am Freitag wieder über eine Million Ägypter im Epizentrum der Revolution in Kairos Stadtzentrum versammelt.

Ein Tag der "Reinigung und der Anklage" war ausgerufen worden. Die Demonstranten verlangten ein Gerichtsverfahren gegen Ex-Präsident Hosni Mubarak, Anklagen gegen alle seine Mitstreiter, die Absetzung der Provinz-Gouverneure und die Auflösung der lokalen Parlamente. Sie drückten ihre Unzufriedenheit mit dem in ihren Augen zögerlichen Umgang der Generäle mit den Stützen des alten, korrupten Regimes aus.

Die erneute Eskalation kam nicht unerwartet: Seit einiger Zeit herrscht Katerstimmung am Nil; von der revolutionären Euphorie ist kaum mehr etwas zu spüren. Die ersten Erfolge der Revolution wie Meinungsfreiheit sind schon selbstverständlich, dagegen wiegen die negativen Erscheinungen schwer. Die steigende Kriminalität und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten machen den Menschen zu schaffen. Fälle von Autodiebstählen und Einbrüchen werden kolportiert und maßlos übertrieben.

Es macht sich Ernüchterung darüber breit, dass viele der Forderungen nicht so schnell erfüllt werden können. Zudem hat das Referendum über die Verfassungsänderung einen Graben in der Bevölkerung aufgerissen. Viele der unterlegenen Gegner haben das Gefühl, die Revolution sei ihnen gestohlen worden. Einigkeit herrscht aber, dass der Kampf gegen all jene, die in die Korruption verstrickt waren, nicht schnell genug vorankommt.

Massiv war der Zulauf zum Tag der "Reinigung und der Anklage". Und zum ersten Mal richtete sich die Wut Einzelner direkt gegen die Armee. Einige Hundert Demonstranten wollen weiterhin auf dem Tahrir-Platz ausharren, bis Mubarak der Prozess gemacht wird. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2011)

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    Der Kampf für ein besseres Ägypten ist für viele noch nicht zu Ende. 

  • Syrische und ägyptische Fahne auf dem Tahrir-Platz
    foto: epa/ahmed khaled

    Syrische und ägyptische Fahne auf dem Tahrir-Platz

  • Ausgebrannter Militärbus auf dem Tahrir-Platez, Samstagvormittag
    foto: epa/khaled elfiqi

    Ausgebrannter Militärbus auf dem Tahrir-Platez, Samstagvormittag

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