Kernkraft & Finanzwelt: Falsche Anreize, hohe Risiken

8. April 2011, 19:11
73 Postings

Die Zauberer der Finanzwelt, so erwies es sich, verstanden die Komplexität der Risiken nicht

Die Folgen des japanischen Erdbebens - insbesondere der anhaltenden Krise im Kernkraftwerk von Fukushima - werden bei vielen Beobachtern des amerikanischen Finanzcrashs, der der Rezession voranging, mit einem Gefühl der Erbitterung aufgenommen. Beide Ereignisse halten drastische Lehren über Risiken für uns parat, und wie schlecht Märkte und Gesellschaften mit diesen umgehen.

Natürlich sind das tragische Erdbeben und die Finanzkrise in gewissem Sinne nicht vergleichbar. Doch was die Kernschmelze in Fukushima angeht, zieht sich ein gemeinsamer roter Faden durch diese beiden Ereignisse. Experten aus der Atom- wie aus der Finanzindustrie versicherten uns, dass das Risiko einer Katastrophe durch neue Technologien so gut wie beseitigt werde. Es hat sich gezeigt, dass sie Unrecht hatten.

Vor der Rezession prahlten Amerikas Wirtschaftsgurus, wir hätten gelernt, die Risiken zu beherrschen. "Innovative" Finanzinstrumente wie Derivate und CDS würden die Streuung der Risiken innerhalb der gesamten Wirtschaft ermöglichen. Heute wissen wir, dass sie damit nicht nur dem Rest der Gesellschaft etwas vorgemacht haben, sondern sogar sich selbst.

Diese Zauberer der Finanzwelt, so erwies es sich, verstanden die Komplexität der Risiken nicht. Ereignisse, die sich angeblich einmal alle hundert Jahre - oder sogar einmal während der Lebensdauer des Universums - ereignen sollten, schienen alle zehn Jahre zu passieren. Schlimmer noch: Nicht nur die Häufigkeit derartiger Ereignisse wurde maßlos unterschätzt, sondern auch der astronomische Schaden, den sie verursachen würden - so etwa wie bei den Kernschmelzen, die die Atomindustrie immer wieder heimsuchen.

Dies bringt uns zur nächsten Frage: Gibt es noch weitere "schwarze Schwäne", deren Eintreten nur eine Frage der Zeit ist? Unglücklicherweise sind einige der wirklich großen Risiken, vor denen wir heute stehen, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal seltene Ereignisse. Die gute Nachricht ist, dass sich derartige Risiken auf preiswerte oder völlig kostenlose Weise steuern lassen. Die schlechte Nachricht ist, dass wir dabei auf starken politischen Widerstand stoßen - denn es gibt Leute, die vom Status quo profitieren. Wir haben in den letzten Jahren zwei dieser großen Risiken erlebt, aber kaum etwas getan, um sie unter Kontrolle zu bringen.

So wissen jene Banken, die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen - und die Märkte, in denen diese agieren - jetzt, dass sie darauf zählen können, dass man sie retten wird, wenn sie Probleme bekommen. Die Anreizstrukturen, die zur Übernahme übermäßiger Risiken ermutigen, bestehen praktisch unverändert fort.

Auch hat zwar Deutschland einige seiner älteren Atomreaktoren stillgelegt, doch in den USA und anderswo bleiben sogar Kraftwerke mit demselben fehlerhaften Design wie in Fukushima weiter in Betrieb. Dabei hängt schon die Existenz der Atomindustrie an versteckten staatlichen Subventionen: den von der Gesellschaft getragenen Kosten im Falle einer nuklearen Katastrophe und den Kosten der nach wie vor ungeklärten Entsorgung nuklearer Abfälle. So viel zum uneingeschränkten Kapitalismus! (Copyright: Project Syndicate. Aus dem Englischen von Jan Doolan; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.4.2011)

Joseph E. Stiglitz ist Professor an der Columbia University und Nobelpreisträger für Ökonomie.

Share if you care.