Die Freiheit der Kunst duldet keinen Kompromiss

8. April 2011, 19:10
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Gedanken zur Festnahme von Ai Weiwei in China und ein Appell, den Systemkritiker umgehend freizulassen - von Karlheinz Essl

"Wenn Künstler, die ihre Stimme gegen totalitäre Regime erheben, mundtot gemacht werden, hat das fatale Folgen für uns alle." 

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Die Nachricht, dass der Künstler Ai Weiwei in China festgenommen wurde, erfüllt mich mit tiefster Bestürzung. In den vergangenen Tagen, aber auch schon in den letzten Monaten, in denen die Kommunikation mit Ai Weiwei unmöglich wurde, habe ich mir Gedanken zu diesen traurigen Umständen gemacht.

Ich lernte Ai Weiwei im Jahr 2005 kennen. Damals besuchte ich den Künstler in seinem Haus und Atelier in Peking. Trotz schwieriger Rahmenbedingungen, in denen Künstler in China leben und arbeiten müssen, hatte ich das Gefühl, einem unglaublichen Freigeist mit geradezu erstaunlicher Energie gegenüberzustehen. Sein Haus, sein Atelier und er als Mensch begeisterten mich und ermöglichten es mir, vieles aus einer neuen Perspektive zu erkennen.

Es war mir möglich, eine Werkgruppe von Fotografien des Künstlers zu erwerben, die wir im Rahmen der Ausstellung China Now im Jahre 2006 im Essl Museum zeigten.

Seither fühle ich mich Ai Weiwei verbunden und hatte immer den Wunsch, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Deshalb nahmen wir im vergangenen Jahr Kontakt auf, um ihn für eine Ausstellung zu gewinnen. Für Menschen in der westlichen Welt ist es kaum vorstellbar, wie ein Künstler, der gefährdet ist, kommuniziert. Alles, was wir als selbstverständlich betrachten, E-Mails, Handys, Fax, Dinge des täglichen Lebens, unterliegt einer Kontrolle und wird oft willkürlich außer Kraft gesetzt.

In solchen Situationen versucht man dann, über Mittelsmenschen an den Künstler heranzukommen, was allerdings überaus schwierig ist. Schließlich wurde die Kommunikation mit Ai Weiwei völlig verunmöglicht, weshalb wir auch unser Vorhaben vorerst auf Eis legen mussten.

Kurzsichtiger Kontrollwahn

Als Sammler kenne ich viele Künstler auf der ganzen Welt, treffe sie in ihren Ateliers, tausche Gedanken mit ihnen aus und versuche dann, all diese neuen und so wichtigen Ideen, die ich erfahre, in unserem Museum mit Ausstellungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass Ai Weiwei und viele andere Künstler, die ihre kritische Stimme gegen totalitäre Regime erheben, mundtot gemacht werden, hat fatale Folgen für uns alle. Durch diese Praktiken wird verhindert, dass Künstler ihren notwendigen Beitrag für die Gesellschaft leisten können.

Ich kann es nicht fassen, dass die Freiheit der Künstler in China, einem Land, das immer wieder internationale Signale in Richtung einer Öffnung sendet, nicht akzeptiert wird. Zu glauben, man könne Kunst kontrollieren, ist mehr als kurzsichtig, sprengt diese doch Verkrustungen und stellt ein Regulativ dar, eine kritische Komponente, die Grundlage für jede Gesellschaft ist.

Mir fällt dazu ein Beispiel aus der Gegenwartskunst ein. In unserer Ausstellung China Now im Essl Museum zeigten wir Werke des Künstlers Hai Bo. Der Künstler verwendet alte Fotografien aus maoistischen Zeiten und sucht sich die Menschen auf diesen Bildern zusammen, um sie in derselben Konstellation heute wieder zu fotografieren.

Was mich an diesen Arbeiten fasziniert, ist, wie aus Menschen, die auf alten Bildern in kommunistischen Uniformen abgebildet waren, gleichgemacht und ihrer Individualität beraubt, über die Jahre "bunte Menschen" wurden, jeder mit seinem eigenen Stil, individueller Kleidung, individueller Frisur, individuellem Gesichtsausdruck. Für mich ist das ein Zeichen für die Öffnung des Landes auch im Hinblick auf den Respekt vor der persönlichen Freiheit.

Der Mensch ist als Individuum angelegt und kein Herdentier. Jeder verfügt über eigene Fähigkeiten und Talente, kein Regime der Welt hat das Recht, einem Menschen vorzuschreiben, wie er zu denken und zu leben hat.

Für China reicht es nicht aus, sich wirtschaftlich zu öffnen. Wirtschaftskraft gründet sich auf internationale Beziehungen und den Austausch mit dem Rest der Welt. Es wird deshalb auch in China unumgänglich sein, die Freiheit der Kunst zu akzeptieren. Nicht länger wird es tragbar sein, Künstler mundtot zu machen.

Ich appelliere im Namen der Kunstwelt an die Vertreter Chinas, Ai Weiwei freizulassen! (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2011)

Karlheinz Essl, Gründer des Unternehmens bauMax, sammelt mit seiner Frau Agnes seit fast 40 Jahren Kunst; die Sammlung umfasst mittlerweile rund 7.000 Werke; das 1999 gegründete Essl-Museum in Klosterneuburg widmet sich in seinem Ausstellungsprogramm immer wieder aktuellen Positionen der Gegenwartskunst aus Asien.

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