"Verhetzung der Gesellschaft, gegen alles Fremde"

8. April 2011, 18:36
12 Postings

Pianist Andras Schiff warnt vor Rechtsruck in Ungarn - In einem Interview mit der SZ warnt er vor Viktor Orban, den er als "nationalistischen Populist" bezeichnet

München - Der ungarische Pianist Andras Schiff schlägt wegen des Rechtsrucks in seinem Heimatland Alarm. "Ich rede nicht von einem einzelnen Mediengesetz, sondern von einer allgemeinen Stimmung, von einer Verhetzung der Gesellschaft, gegen Juden, gegen alles Fremde", sagte der 57-Jährige in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" (Freitag). "Rechtsextreme Bürgerwehren dürfen die Roma nach Lust und Laune terrorisieren." Ministerpräsident Viktor Orban sei kein Faschist, aber ein "radikaler Karrierist und nationalistischer Populist", der die Jobbik, "eine glasklar rechtsextremistische Partei", im Parlament "hemmungslos geifern" lasse. "Der Mann ist gefährlich."

Diffamierung Homosexueller

"Die rechtsextreme Minderheit prägt den politischen Diskurs viel zu stark", beklagte Schiff. So werde der homosexuelle Schauspieler und Regisseur Robert Alföldi von Parlamentariern als "dreckiger Schwuler" bezeichnet und im Parlament "Roberta" genannt. Dass die Vorgänge in Ungarn international auf vergleichsweise wenig Beachtung stoßen, führt Schiff auf die Sprachbarriere zurück. "Sie können im Parlament unglaubliche Dinge sagen, weil sie wissen, das versteht im Ausland eh keiner."

"Es gibt richtige Säuberungen"

Orban übe außerdem starken Einfluss auf die Kulturszene in Ungarn aus und setze an allen wichtigen Positionen "seine Leute" ein. "Es gibt richtige Säuberungen", sagte der heute in Italien lebende Schiff, der nach Drohungen gegen ihn selbst nicht mehr in seinem Geburtsland auftreten will.

Nachdem der Musiker in einem Artikel in der "Washington Post" öffentlich die Frage gestellt hatte, ob sein Land angesichts der Entwicklungen dort für die EU-Ratspräsidentschaft geeignet sei, sei er als "Saujude" beschimpft worden. Ihm sei auch Gewalt angedroht worden. "Ich habe keine Lust, das zu riskieren. Ich liebe meine Heimat so sehr, die Kultur, die Sprache, die Freude, aber das jetzt ist in dieser Massierung und gewalttätigen Bosheit zu viel." (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der ungarische Pianist Andras Schiff äußert in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung seine Besorgnis über die gesellschaftspolitische Entwicklungen in Ungarn.

Share if you care.