Auf Spurensuche in Wien

8. April 2011, 18:28
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Mehreren Institutionen in Wien wird zumindest eine Nähe zur Gülen-Bewegung nachgesagt

Wer die angeblichen Sympathisanten damit konfrontiert, erntet Dementi oder Lobeshymnen auf die Ideen des türkischen Predigers. Ein Lokalaugenschein bei Vereinen, einer Zeitung und einer Schule.

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Auf der Suche nach Menschen in Wien, die dem Gedankengut Fethullah Gülens anhängen, stößt man mehrmals auf die Befürchtung, "in eine Schublade gesteckt" zu werden. Einer der wenigen, die sich zumindest offen dazu bekennen, dass die Ideen des Predigers ihn "inspirieren" , ist Ismayil Tokmak.

2002 gründete er den Verein "Friede - Institut für Dialog" . Grund dafür waren, wie er erklärt, die "vielen Fragen rund um den Islam" , die seit dem 11. September 2001 aufgetaucht seien. Etwa was der Islam sei und woran Muslime glauben. Am Tag nach dem Attentat habe Gülen einen wichtigen Satz veröffentlicht, erinnert sich Tokmak: "Ein Muslim kann kein Terrorist sein und ein Terrorist kann kein Muslim sein."

Der Verein Friede mit Sitz in Wien, den Tokmak als Obmann leitet, versteht sich als interkulturelle und interreligiöse Einrichtung. "Für uns ist ausschlaggebend, dass Gülen den interkulturellen Dialog massiv vorangetrieben hat" , sagt Tokmak und erwähnt sogleich, dass Gülen der erste Gelehrte der Türkei gewesen sei, der den Papst besucht hat. Der Dialog zwischen Menschen verschiedener Religionen und Kulturen sei ihm als türkischstämmigem, in Österreich lebenden Menschen wichtig. Zu dem Thema organisiert der Verein Vorträge und Diskussionsveranstaltungen.

Wegen Gülens Treffen mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche sei seine Bewegung von Gegnern auch schon als "christliche Sekte" bezeichnet worden. Das sei genauso falsch, wie die Einordnung als "islamistisch" oder als "Terrornetzwerk" .

Es existiere bei der Gülen-Bewegung (ein Wort, das der Prediger ablehne) keine zentrale Verwaltung. Es gebe einfach die Ideen des Denkers, denen man sich zugetan fühlen könne oder nicht. Alles basiere auf Freiwilligkeit.

Auf den Einwand, dass erst kürzlich der Autor eines kritischen Buches ins Gefängnis gesteckt worden ist, sagt Tokmak, dass traditionell vor Wahlen, die dort kommenden Juni anstehen, versucht werde, mit Vorwürfen Politik zu machen. Zu politischenFragen die Türkei betreffend sei er aber nicht so gut informiert.

Auch die Zeitung Zaman wird Nähe zur Gülen-Bewegung nachgesagt. Seyit Arslan, Geschäftsführer von Zaman Österreich, sagt, direkter Kontakt bestehe keiner: "Es gibt keine offizielle Beziehung." Man lege aber "großen Wert" auf Ideen von Gülen und habe auch mehrmals Beiträge des Denkers publiziert. Teil einer Gülen-Bewegung sei er deshalb aber nicht. "Ich bin Journalist."

Auch dem Phönix-Realgymnasium im 10. Bezirk wird nachgesagt, mit Gülen etwas zu tun zu haben. Der Direktor der Privatschule, Markus Röder, hört das nicht gern. Er betont, dass seine Ganztagsschule allen offenstehe. "Wir sind eine nichtkonfessionelle Schule - und dabei, eine interkulturelle Schule zu werden" , sagt der Lehrer für Geografie- und Ernährungslehre, der selbst keinen türkischen Hintergrund hat. Dass die Gülen-Bewegung die Schule eröffnet habe, wie in einer Zeitung zu lesen war, sei falsch, so Röder.

Bildung als Problemlöser

Röder gibt an, bisher kaum etwas von Gülen gelesen zu haben. Ein Gedanke des Predigers werde in dieser Schule aber gelebt: dass "viele Probleme unserer Gesellschaft durch Bildung zu lösen" sind, wie Röder sagt. Diesen Leitspruch habe sich das Bildungsinstitut Phönix, Betreiber des Gymnasiums, auf die Fahnen geheftet.

Der im Jahr 1998 gegründete Verein hat zunächst Nachmittagsbetreuung angeboten. Vereinsobmann Akin Kurt erläutert, es habe unter türkischen Eltern großer Bedarf geherrscht, den man zu moderaten Preisen decken wollte. Da sei man auf das Problem gestoßen, dass Eltern ihren Kindern oft nicht bei Hausaufgaben helfen konnten. Also richtete man Nachhilfeinstitute ein. Nach und nach bildeten sich in fast allen Bundesländern solche Institutionen heraus, die inzwischen selbstständig agieren.

Der Verein sei unabhängig und finanziere sich aus Mitgliederbeiträgen und Spenden, sagt Kurt. Im Islam gibt es eine Solidaritätsabgabe. Es kämen daher durchaus Einzelspenden in Höhe von 1000Euro imJahr herein, sagt Kurt. Der Schulbesuch eines Kindes kostet Eltern zudem 330 Euro im Monat. Einen großen Geldgeber, wie manchmal Außenstehende spekulieren, gebe es nicht.

Seit 2007 betreibt der Verein die Schule. In dem leuchtend gelben Altbau in der Knöllgasse werden zurzeit vier Klassen mit maximal 21 Schülern unterrichtet. Zweisprachigkeit soll gefördert werden, Türkisch ist ein Wahlfach, und in den Pausen gilt ein "Deutschsprechgebot" .

Noch findet man unter den Lehrern mehr Interkulturalität als unter den Kindern - Letztere sind alle türkischstämmig. Von liberal bis konservativ gebe es aber in der Weltanschauung unter den Eltern eine große Bandbreite, so Röder.

Dass bisher nur türkischstämmige Kinder das Realgymnasium besuchen, liege an dessen Entstehungsgeschichte. "In eine Schule, die niemand kennt, schicken Eltern ihre Kinder, wenn sie den Schulerhalter in irgendeiner Form schon kennen", meint Röder. Er versuche nun verstärkt, in Volksschulen ins Gespräch zu kommen, um die Schule bekannter zu machen. Und wer Vorbehalte gegen die Einrichtung habe, der soll nach Röders Meinung einfach einmal auf Besuch kommen und sich "anschauen, was wir hier machen". Heute, Samstag, ist Tag der offenen Tür. (Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2011)

Wissen: Fethullah Gülen

"Der unsichtbare Mann der Türkei wirft einen langen Schatten", lautete 2009 der Titel einer Depesche der US-Botschaft in Ankara. Obwohl seit 1999 in Pennsylvania lebend, wachse der Einfluss des Predigers in der Türkei unaufhörlich. Gülen wurde 1941 in Erzurum in der Osttürkei geboren. Unter dem Einfluss der Bewegung stehen die Bank Asya, TV-Sender, Zeitungen. Unternehmer spenden bis zu einem Drittel ihres Gewinns. Die Justiz sprach ihn 2008 vom Vorwurf der Verschwörung frei. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2011)

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    Schulhof des Fatih College in Istanbul. Die Schule wird von Anhängern der Gülen-Bewegung betrieben.

  • Seyit Arslan: Die Zeitung "Zaman Österreich" habe "keine offizielle 
Beziehung zu Gülen".
    foto: standard/newald

    Seyit Arslan: Die Zeitung "Zaman Österreich" habe "keine offizielle Beziehung zu Gülen".

  • Ismayil Tokmak (Verein Friede) sagt, die Gülen-Bewegung basiere auf Freiwilligkeit.
    foto: standard/newald

    Ismayil Tokmak (Verein Friede) sagt, die Gülen-Bewegung basiere auf Freiwilligkeit.

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