"Märkte sind keine Kasinos"

8. April 2011, 18:24
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Der Glaube an die Selbstregulierung der Märkte ist gescheitert, aber nur "böse Spekulanten" zu verjagen genügt nicht, meint der US-Ökonom Roman Frydman

Der Glaube an die Selbstregulierungskräfte der Märkte ist gescheitert. Aber nur die "bösen Spekulanten" zu verjagen wird auch nicht genügen, meint der US-Ökonom Roman Frydman zu András Szigetvari.

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STANDARD: In Ihrem neuen Buch "Beyond Mechanical Markets" argumentieren Sie, dass Europa und die USA falsch auf die Wirtschaftskrise reagiert haben. Warum?

Frydman: Nach dem Crash auf den Finanzmärkten sind unzählige Reformen beschlossen worden. Doch sie sind allesamt vom alten Denken aus der Vorkrisenzeit geprägt. In der EU und den USA wird alles dafür getan, um sich für die nächste Krise besser zu rüsten. Für Banken werden im Rahmen des Regelwerkes Basel III strengere Kapitalvorschriften umgesetzt. Was aber niemand versucht, ist, die Marktschwankungen, die erst zu den Problemen führen, von vornherein zu begrenzen.

STANDARD: Aber das Denken hat sich doch grundlegend geändert. Viele Ökonomen sehen zum Beispiel inzwischen die Notwendigkeit, dass der Staat an den Märkten stärker intervenieren muss.

Frydman: Nach dem Zweiten Weltkrieg und noch stärker nach dem Ende des Kalten Krieges haben jene Kräfte innerhalb der Wirtschaftswissenschaften die Oberhand gewonnen, die Märkte für perfekt hielten. Für sie war Instabilität im Kapitalismus ein reines Zufallsprodukt. Diese Theorie hat die Krise erst möglich gemacht. Nach dem Crash hieß es dann plötzlich, Märke seien wie Kasinos. Es gab Tiraden gegen die "bösen Spekulanten". Aber diese Theorien sind sich sehr ähnlich. Auch die Kritik an den Spekulanten besagt ja nur, dass wenn wir die bösen Zocker einmal loswerden, alles gut wird.

STANDARD: Was schlagen Sie im Gegenzug vor?

Frydman: Märkte sind keine Kasinos, und sie funktionieren auch nicht perfekt. Daher braucht es gezieltere Eingriffe, um Krisen zu verhindern. Der Staat muss bereit sein zu intervenieren. Derzeit gibt es große Probleme bei den Rohstoffpreisen, das wäre ein Eingriffsbereich. Das zweite Feld ist der Immobilienmarkt. So könnten die Notenbanken, anstatt nur die Inflation im Auge zu haben, die Vergabe von Immobilienkrediten erschweren, wenn die Bildung neuer Preisblasen droht.

STANDARD: Wie genau sollte das funktionieren?

Frydman: Am Häusermarkt könnten die Zentralbanken einen erschwerteren Rahmen für die Vergabe neuer Kredite schaffen, wenn die Preise zu stark ansteigen. Einfach indem Kunden zum Beispiel für einen Immobilienkredit mehr Eigenmittel hinlegen müssen. An den Rohstoffmärkten bräuchte es Grenzwerte. Der Ölpreis sollte sich künftig nur mehr innerhalb einer Bandbreite bewegen.

STANDARD:  Aber das ist doch schwer zu erreichen?

Frydman: Nicht unbedingt. Zum Beispiel kann doch festgelegt werden, dass ab einem bestimmten Ölpreis, sagen wir 130 Dollar je Barrel, eine zusätzliche Transaktionssteuer erhoben wird. Das würde den Markt bremsen.

STANDARD: Aber so etwas wie einen falschen Preis gibt es am Markt nicht: Der Wert der Ware ist, wo sich Verkäufer und Käufer treffen. Und wer sollte die Preise festlegen?

Frydman: Das mit den Preisen stimmt aus Sicht der Marktteilnehmer. Aus Perspektive der Gesellschaft gibt es falsche Preise. Zum Beispiel wenn das schwarze Gold so teuer wird, dass eine neue Rezession wie in den 70er-Jahren droht. Die Preisfestlegung ist eine schwierigere Frage. Das Problem ist nicht nur, wer sich darum kümmern wird. Es gibt derzeit auch kein Wissen darüber, wie hoch der richtige Preis sein sollte. Aus dem erwähnten Glauben an die freien Marktkräfte wurde die Forschung hier sträflich vernachlässigt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.4.2011)

ROMAN FRYDMAN unterrichtet Volkswirtschaft an der New York University. Mit Michael Goldberg ist er Autor von "Beyond Mechanical Markets", einem Buch, das die in den Wirtschaftswissenschaften dominierenden Strömungen kritisiert und alternative Modelle darstellt. Frydman ist Mitbegründer des publizistischen Netzwerks Project Syndicate.

  • Roman Frydman: "An den Rohstoffmärkten bräuchte es Grenzwerte. Der Ölpreis sollte sich 
künftig nur mehr innerhalb einer Bandbreite bewegen."
    foto: frydman

    Roman Frydman: "An den Rohstoffmärkten bräuchte es Grenzwerte. Der Ölpreis sollte sich künftig nur mehr innerhalb einer Bandbreite bewegen."

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