Imam-Buch bereits "geleakt"

8. April 2011, 18:18
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Frage nach politischer Agenda Gülens unbeantwortet

Natürlich war es ein Fehlschlag: Im Zeitalter von Wikileaks kann auch die türkische Polizei kein Buchmanuskript verschwinden lassen. Auszüge von Ahmet Siks Die Armee des Imam sind seit einigen Tagen auf Türkisch im Internet zu lesen. Herunterladen ist keine Straftat, ließ die Staatsanwaltschaft in Istanbul resigniert wissen, Vervielfältigung des Manuskripts sehr wohl.

Worum geht es in dem Buch? Ahmet Sik, ein investigativ arbeitender Journalist, der für mehrere der großen Qualitätszeitungen in der Türkei tätig war und Journalismus an der Bilgi-Universität in Istanbul lehrt, behauptet, dass die türkische Polizei, angefangen von der Personalabteilung über die Polizeischulen bis zum Geheimdienst, von Mitgliedern der Gülen-Bewegung unterwandert worden ist. Daher der Titel Die Armee des Imam.

Das Buch rekonstruiert den politischen Weg Fethullah Gülens, der 1966 als Prediger in Izmir begann und in der muslimischen Bewegung der Türkei, die sich auf den bedeutenden Islamgelehrten Said Nursi (1876-1960) beruft, immer eine eigene Haltung bewahrte: skeptisch gegenüber der Beteiligung muslimischer Führer an der Tagespolitik und politischen Parteien, sympathisierend mit den Nationalisten der rechtsextremen MHP. Gülen unterstützte den Putsch des türkischen Militärs 1971 und 1980, so schreibt Sik laut des zirkulierenden Buchmanuskripts, und fand auch verständnisvolle Worte für die Generäle, die 1997 den islamistischen Premier Necmettin Erbakan aus dem Amt zwangen.

Die Frage nach Gülens politischer Agenda in der Türkei bleibt unbeantwortet. Die Gedanken, die Sik gefährlich wurden, könnten andere sein: die Kreation der linken Terrorgruppe "Devrimci Karagah" , die 2008 scheinbar aus dem Nichts kam, durch den "Gülen-Staat" ; und die Verwicklung der Polizei in den Mord an Hrant Dink. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2011)

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