"Wer die Bewegung anfasst, wird verbrannt"

8. April 2011, 18:16
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Buchautor und Aufdeckerjournalist Ahmet Sik sieht den langen Arm der Gülen-Gemeinschaft hinter seiner Verhaftung

Die "Operation Löschen" hat begonnen", hat Ertugrul Mavioglu bitter festgestellt, als die Polizeibeamten, wie telefonisch angekündigt, im Redaktionsbüro auftauchten und sich an seinem Computer zu schaffen machten. Das Ziel der Jagd: ein noch unveröffentlichtes Buchmanuskript mit dem griffigen Titel "Die Armee des Imam" . Ahmet Sik hat es seinem Kollegen Mavioglu in der angesehenen liberalen Tageszeitung Radikal geschickt. Das Buch beschreibt die angebliche Unterwanderung der türkischen Polizei durch eine islamistische Sekte. Sik sitzt seit einem Monat in Haft. "Gedankenverbrechen" würde die Anklage in George Orwells utopischem Roman 1984 lauten.

Die Festnahme des renommierten Journalisten und neun anderer investigativ arbeitender Reporter, darunter der mit Preisen ausgezeichnete Nedin Sener, ist wenige Wochen vor den Parlamentswahlen zum großen Thema in der Türkei geworden. In der EU fordern Gegner wie Befürworter des Beitritts der Türkei gleichermaßen die Freilassung der Journalisten. Die Komplotttheorie ist dabei nicht neu: Der in den USA lebende türkische Prediger Fethullah Gülen soll mit Billigung der konservativ-muslimischen Regierung den Staat unterwandert haben. "Wer die Bewegung anfasst, wird verbrannt", schreibt Sik aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Silivri, außerhalb von Istanbul.

  • Die Vorwürfe an Sik und seine Kollegen waren weitgehend geheim und den Anwälten unbekannt, wurden aber zwei regierungsfreundlichen Blättern - Zaman und Bugün - zugespielt. Demnach soll Sik mit seinem Buch eine Auftragsarbeit für den angeblichen nationalistischen Geheimbund Ergenekon erledigt haben. Auf einer Computerdatei wurden Redigierhinweise an Sik gefunden wie "Sei mutig!" . Sik und Mavioglu hatten selbst viel in Bezug auf Ergenekon publiziert.
  • Die Reaktion der türkischen Regierung ist zwiespältig: Premierminister Tayyip Erdogan ist bemüht, sich nicht in die Spekulationen über einen Geheimplan zur Islamisierung der Republik hineinziehen zu lassen. Die Justiz sei unabhängig, sagt er und alle Journalisten, die in der Türkei zu Haftstrafen verurteilt wurden, hätten Delikte verübt, die nichts mit ihrer eigentlichen Arbeit in den Medien zu tun hatten.

    Der in der Regierungspartei AKP einflussreiche Vizepremier Bülent Arinç hingegen nannte die Beschlagnahmung von Siks Buchmanuskript "keinen eleganten Vorfall". Kulturminister Ertugrul Günay, jüngst mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen am Band für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet, erklärte sich besorgt über die "Entwicklungen im Bereich der Pressefreiheit" .

  • Der Vorläufer: Der hochrangige Polizeibeamte Hanefi Avci veröffentlichte im Sommer 2010 einen Memoirenband, in dem er die systematische Ausschaltung führender Funktionsträger in der Polizei durch Beamte beschreibt, die der Bewegung Gülens folgen. Intrigen und Komplotte sind deren Instrument. Avci wurde verhaftet. Er wird nun unter anderem beschuldigt, der Geldbeschaffer der linken Terrorgruppe Revolutionäres Hauptquartier (Devrimci Karargah) zu sein.
  • Gülen selbst hat jede Einflussnahme auf die türkischen Staatsanwälte bestritten. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2011)
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