"Die alten Gräben sind noch lange nicht zugeschüttet"

8. April 2011, 18:11
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Mit Schüssen auf Fort Sumter begann am 12. April 1861 in Charleston der amerikanische Bürgerkrieg

Wenn Russell Horres erzählt, meint man ihn vor sich zu sehen, den unglücklichen Soldaten Daniel Hough. Wie er schwitzend Schießpulver ins Kanonenrohr stopft, während die Trümmer des Forts rauchen. Wie der Schuss zu früh losgeht, wie es ihm den rechten Arm abreißt und alles ein tragisches Ende nimmt, mit Daniel Hough als erstem Toten des amerikanischen Bürgerkriegs.

Besiegt, aber mit ungebrochenem Stolz wollten sich die Nordstaatler aus Fort Sumter verabschieden, zu 100 Salutschüssen und dem Abspielen des Yankee Doodle. So hatte es der Festungskommandeur, ein Major namens Robert Anderson, mit den Südstaatlern ausgehandelt, als Bedingung fürs Kapitulieren. Statt in ein Gefangenenlager wurden Andersons Männer zur Flotte des Nordens gebracht. "Tja, die vornehme Art des Südens", sagt Horres und grinst so breit, dass man merkt, er meint es eher sarkastisch.

Das Fort wird zur Hölle

Jener vornehme Süden hatte am 12. April 1861 begonnen, Fort Sumter unter Beschuss zu nehmen, eine von meterdicken Mauern beschützte Kaserne, erbaut auf einer Sandbank im Hafen von Charleston. 34 Stunden dauert die Kanonade. Flammen und der Krach einstürzenden Mauerwerks lassen das Fort zur Hölle werden, wie es ein Zeitzeuge beschreibt.

Vier Jahre darauf kehrt Anderson zurück, diesmal als Sieger. Fort Sumter, im Laufe des Krieges immer wieder bombardiert, ist da nur noch ein Trümmerhaufen.

Heute steht von drei Stockwerken noch eines. Die salzige Luft setzt dem Mauerwerk zu, reihenweise bröckeln historische Ziegel. "Wir müssen uns was einfallen lassen", sagt Horres. Der Biomediziner gehört zu jenen Menschen, die in Amerika "history buffs" heißen - Geschichtsvernarrte. In Charleston hat er sich als Freiwilliger beim Nationalpark-Service, dem Fort Sumter untersteht, gemeldet. Ein wandelndes Lexikon.

Während des Bürgerkriegs starben in vier Jahren 620.000 Amerikaner, fast elfmal so viele wie in Vietnam. Am Flüsschen Antietam, in den welligen Hügeln Marylands, brennen im Herbst mehr als 23.000 Kerzen, zum Gedenken an die Gefallenen und Verwundeten einer einzigen Schlacht. Der 17. September 1862, das Datum des zwölfstündigen Duells, ist der blutigste Tag der US-Geschichte. Nach Gettysburg, wo die Yankees aus dem Norden im Juli 1863 das Blatt zu wenden begannen, pilgern Touristen wie zu einem Wallfahrtsort. Charleston ist der Ort, an dem alles begann.

"Lesen Sie unbedingt, was im Mercury stand. Da hinten, die Mahagonivitrine." Sarah Collins, eine Rentnerin mit Stricknadeln im Schoß, bewacht das Museum der Töchter der Veteranen der Konföderation. Darin zeigen die weiblichen Nachfahren der Südstaatensoldaten alles, was sie an Reliquien gesammelt haben, ungeordnet: eine Haarsträhne des Heerführers Robert E. Lee, zerlöcherte Regimentsfahnen, Nägel aus der Blockhütte eines Generals.

"Die Union ist aufgelöst!", steht auf der vergilbten Titelseite des Charleston Mercury. "Extraausgabe!" Am 20. Dezember 1860 trennte sich South Carolina als erster Staat vom amerikanischen Bund. 150 Jahre später veranstaltete die Stadt Charleston einen pompösen Sezessionsball, um der Proklamation zu gedenken. Vor der Tür stand Dot Scott, die Ortsvorsitzende der afroamerikanischen Bürgerrechtsliga NAACP bei einer Mahnwache, in den Händen ein Plakat: "South Carolina leidet an der Konföderation in den Hirnen".

Die Ursachen des Bürgerkriegs? Selbst Haley Barbour, der Gouverneur Mississippis, ein Konservativer alter Schule, bringt es schnörkellos auf den Punkt: "Die Sklaverei war das erste, das zentrale Anliegen der Sezession. Die Sklaverei abzuschaffen war moralisch geboten. Es ist bedauerlich, dass es dazu eines Krieges bedurfte."

Jeder seriöse Historiker würde die Sätze unterschreiben. Der Süden, geprägt von Baumwolle und Reis, gründete seinen Wohlstand auf Sklavenplantagen, weshalb er sich vom sklavenfreien, industriellen Norden loslösen wollte.

Manche in Charleston sehen es noch immer anders. Demnach wollte der Süden seine Unabhängigkeit, seine Rechte. Dass Blut floss, habe an Abraham Lincoln gelegen, dem Tyrannen im Weißen Haus. "Viele hier sprechen noch heute von der nördlichen Aggression", sagt Horres kopfschüttelnd. "Die alten Gräben sind noch lange nicht zugeschüttet."

Mit Blick auf den 150. Jahrestag verlangen die "Sons of Confederate Veterans", das Konterfei des Südstaatengenerals Nathan Bedford Forrest auf den Autonummernschildern Mississippis zu verewigen. Vor dem Krieg war er Sklavenhändler, danach wurde er erster Großmeister des Ku-Klux- Klans. "Absurd, einen Rassisten zu ehren", protestiert die NAACP. (Frank Herrmann aus Charleston/DER STANDARD, Printausgabe, 9./10. 4. 2011)

  • Auf einem Acker bei Charleston wird eine Bürgerkriegsschlacht 
nachgespielt - hier die Blauen des Nordens.
    foto: herrmann

    Auf einem Acker bei Charleston wird eine Bürgerkriegsschlacht nachgespielt - hier die Blauen des Nordens.

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