Die Rückkehr an die Grenze der Angst

8. April 2011, 17:53
102 Postings

Zu Schulbeginn kamen viele Eltern und Kinder in die Stadt Iwaki zurück, 40 Kilometer entfernt von Fukushima

Tokio/Iwaki - Aufgeregt rutscht Chiaki Watanabe auf ihrem Stuhl in der Sporthalle der Kusano-Grundschule hin und her. Denn Ranzen vor sich, die Mutter neben sich. Es ist ihre Einschulungszeremonie, ihr erster Schultag in der nordjapanischen Stadt Iwaki, 40 Kilometer entfernt vom havarierten AKW Fukushima.

Die Halle ist festlich in rot-weiß gestreiftes Tuch gekleidet. Auf der Bühne hängt die japanische Fahne. Doch die Stimmung ist gedrückt. "Ich weiß, dass Sie sich über das Atomkraftwerk sorgen", sagt Toshiro Ishii, der lokale Abgeordnete im Stadtparlament in seiner Begrüßungsrede. "Aber die Schule und wir werden die Kinder beschützen. Glaubt keine Gerüchte, haltet zusammen."

Das Versprechen der Politik lindert die Sorgen der Eltern von Iwaki nicht. Sie sind innerlich zerrissen wie Chiakis Mutter. "Einerseits bin ich froh, dass wir zurück sind, andererseits habe ich große Angst vor der Strahlung", sagt Ayako Watanabe. Gleich nach dem Beben und dem Tsunami am 11. März setzten sich Mutter und Kind nach Tokio ab. Nur der Vater blieb daheim, um zu arbeiten. Sie kehrten nur zurück, weil die Schule anfängt.

20 Kilometer von Evakuierungszone entfernt

Die Eltern mussten abwägen zwischen Strahlengefahr und vielleicht monatelangem Schulausfall. In beiden Fällen gefährden sie die Zukunft der Kinder. Fast alle Eltern der Kusano-Grundschule sind zuerst ihrem Fluchtinstinkt gefolgt. Nach Schätzungen von Einwohnern sind 20 bis 30 Prozent der 345.000 Bürger des Verwaltungsbezirks geflohen.

Nur 20 Kilometer nördlich der Grundschule beginnt die amtliche Evakuierungszone. Zum anschließenden äußeren Sicherheitsring, in dem die Regierung die Menschen ermutigt hat, freiwillig zu evakuieren oder in ihren Häusern zu bleiben, sind es nur zehn Kilometer. Nun beginnt das Leben wieder zu pulsieren. In den äußeren Sicherheitsring sind mehr als 20.000 Menschen zurückgekehrt.

Ihre Lage ist verzwickt. Die Menschen fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. So werden zwar lokale Strahlenmesswerte im Internet veröffentlicht, aber es wird kein aufs Jahr hochgerechneter Wert geboten. "Ich rechne es selbst aus", sagt Chiakis Vater Takehiro Watanabe.

Deutsche Wetterseiten zur besseren Information

Auch eine Simulation der möglichen Verteilung radioaktiver Wolken ist von amtlicher Seite nicht zu haben. "Ich schaue auf die Seite des deutschen Wetterdienstes, da ist die Zugrichtung gut zu verfolgen", meint der Vater.

Am allerschlimmsten ist jedoch die Scheu der Regierung, klare Aussagen zu treffen. Wie können die Menschen das Verlassen ihrer Arbeitsplätze rechtfertigen, wenn die Regierung nur eine freiwillige Evakuierung nahelegt? Doch die Machthaber fürchten sich vor einem Flüchtlingsstrom. Eine Evakuierung im 80-Kilometer-Umkreis um die Krisenreaktoren würde mehr als eine Million Menschen obdachlos machen.

Aus den ersten Maßnahmen spricht Verzweiflung. Die Schulbehörde hat genauso vage wie die Regierung empfohlen, Kinder nicht im Freien spielen zu lassen. Der Pausenhof wird daher leer bleiben. (mako, DER STANDARD; Printausgabe, 9./10.4.2011) )

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Eltern der Kinder müssen zwischen Strahlengefahr und vielleicht monatelangem Schulausfall abwägen.

Share if you care.