Blaue in der grünen Hölle

8. April 2011, 17:26
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Die Freiheitlichen, bekanntlich allem Ausländischen aufgeschlossen, solange es nicht in Überfremdung ausartet, betätigen sich gern als Österreichs, wenn nicht gar Europas Türöffner

Die Freiheitlichen, bekanntlich allem Ausländischen aufgeschlossen, solange es nicht in Überfremdung ausartet, betätigen sich gern als Österreichs, wenn nicht gar Europas Türöffner in fremden Ländern, amerikanische Ostküste vielleicht ausgenommen. Die Reisen Jörg Haiders zu Saddam Hussein und Muammar Gaddafi sind in sonniger Erinnerung, von den damals nach Hause gebrachten Früchten zehren wir heute noch. Heuer ging die Reise einer FPÖ-Delegation unter der Führung des Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf und des EU-Abgeordneten Andreas Mölzer in das liebliche Paraguay, lange Jahre Diktatur der Sehnsucht vieler Naziverbrecher wie des KZ-Arztes Mengele.

Kein Grund, nicht heute in "Zur Zeit" ein Plädoyer für eine Kooperation auf Augenhöhe zu halten, ist doch, wie geopolitisch beschlagene Freiheitlichen sofort erkennen, Paraguay Europas logischer Partner. Derart logisch, dass diese Logik gleich auf den ganzen Hoffnungskontinent Südamerika ausgedehnt wird. Welch riesiges Potential in Lateinamerika, dem früheren "vergessenen Kontinent" schlummert, darüber konnte sich kürzlich eine hochrangig besetzte Delegation der Freiheitlichen Partei Österreichs überzeugen. Es ist nämlich so: Mit den deutschen Kolonien haben Deutschland und Österreich "Brückenköpfe" in der Region, was konkret bedeutet: In Paraguay etwa haben aus Rußland bzw. aus der Sowjetunion ausgewanderte Mennoniten, welche zu den christlichen Wiedertäufern gezählt werden, nicht nur die "grüne Hölle" des Gran Chaco fruchtbar gemacht und sich aufgrund ihres Fleißes und ihrer Disziplin zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt, sondern auch ihre deutsche Kultur bewahrt. Praktisch muslimrein - noch.

Klar, dass der Besuch der hochrangig besetzten FPÖ-Delegation in Paraguay nicht eitlem Sightseeing galt, sondern ernsten Anliegen. Denn Österreich hätte aufgrund der nicht nur deutschsprachigen, sondern sogar deutschstämmigen Bevölkerungsteile ein wichtiges Bindeglied in Paraguay, wenn es nur seine katholische Aversion gegen den Islam nicht auf mennonitische Wiedertäufer überträgt. Der Besuch der Österreich-Delegation Mitte März könnte da zum Türöffner für so manches Großprojekt werden, sofern die Gleichsetzung von Österreich mit der FPÖ in der "grünen Hölle" des Gran Chaco und Umgebung nicht auffällt. Jetzt gilt es, die Nase vorne zu haben, denn die unberechenbaren USA mit ihren enormen finanziellen und wirtschaftlichen Problemen sind längst kein zuverlässiger Partner mehr, sondern eher ein Sargnagel für Europas Wirtschaft. Ebensowenig sind China und Rußland an einer Partnerschaft auf Augenhöhe interessiert, verfolgen sie doch beide mit Nachdruck ihre eigenen Interessen. Daher: Österreich praktisch letzte Hoffnung für die "Brückenköpfe" in der Region, weshalb es gilt, so manches Großprojekt, dem da die Tür geöffnet ward, gut im Auge zu behalten, damit es nicht das Schicksal jenes erleidet, dem einst Jörg Haider die Tür geöffnet hat.

Deutsche Wiedertäufer als Kolonisten in der "grünen Hölle" von Paraguay - da war auch ein Lokalaugenschein von Andreas Mölzer fotografisch festzuhalten. Andreas Mölzer besucht einen mennonitischen Rinderzüchter und krault einem mennonitischen Rind die Stirn. Ob das schmückende Beiwort Prachtexemplar dem Rindvieh oder seinem christlichen Krauler gilt, darf der Leser von "Zur Zeit" entscheiden.

Ganz lässt sich die Vergangenheit auch von Mölzer nicht verdrängen. Die Sympathien der Gran Chaco-Mennoniten für das aufstrebende Dritte Reich während der frühen 1930er Jahre sind auch eine historische Tatsache, die nicht zuletzt dadurch erklärbar war, daß Deutschland ihnen bei der Auswanderung so selbstlos beigestanden war. Schließlich ist das aufstrebende Dritte Reich noch heute für selbstlosen Beistand bei Auswanderung berühmt. Heute sind es rund 15.000 Deutsch sprechende Menschen, die durch Fleiß, Einigkeit, gegenseitige Hilfe und Gottvertrauen eine Gemeinschaft bilden, die beispielhaft über die Grenzen Paraguays hinauswirkt bis nach Wien.

Doch die Idylle trügt. Es gibt auch große Gefahren für die mennonitische Gemeinschaft. Der ständig stärker werdende Zuzug indigener Bevölkerungsteile, die aufgrund des wirtschaftlichen Erfolgs und des guten sozialen Netzes angelockt werden, droht die deutsch-mennonitische Koloniebevölkerung zur Minderheit zu machen. Österreichs "Brückenkopf" in der grünen Hölle des Gran Chaco überfremdet? Straaaache! (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 9./10.4.2011)

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