"Die Polizei schießt mit Schrotkugeln, um die Regimegegner zu identifizieren"

8. April 2011, 17:25
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Ärzte ohne Grenzen schlägt im STANDARD-Interview Alarm

Anhand der Verletzungen erkennt das Regime in Bahrain Oppositionelle, führt Razzien durch und bedroht das medizinische Personal. Mit dem Einsatzleiter der Organisation, Jérôme Oberreit, sprach Julia Herrnböck.

STANDARD: Was erlebt Ihr Team derzeit in Bahrain?

Oberreit: Vor allem große Frustration, weil ihnen nicht überall Zugang gewährt wird. Es gibt dabei zwei große Probleme: Zum einen hat die Bevölkerung ihr Vertrauen in medizinische Institutionen verloren. Sie wagen sich nicht mehr in die Spitäler, weil sie Angst vor Übergriffen haben. Es gibt dort keine Sicherheit mehr, und sie fühlen sich zu Recht dem Regime ausgeliefert. Auf der anderen Seite haben wir keine Möglichkeit, die Patienten davor zu schützen.

STANDARD: Werden die Ärzte ebenfalls bedroht?

Oberreit: Das ist es ja: Die Ärzte fühlen sich extrem unwohl in der Situation. Es gibt die Erwartungshaltung der Regierung, dass Informationen über die Patienten preisgegeben werden. Wenn das nicht erfolgt, schreiten sie selbst ein. Erst vor einigen Tagen wurden Verletzte verhaftet. Ärzte ohne Grenzen wurde ins Land geholt, um nach den Ausschreitungen zu helfen, und sehr schnell entwickelte sich ein Klima der Angst und Repression in den medizinischen Einrichtungen. Es gibt viele Drohungen gegen das Personal. Es ist eine unmögliche Situation.Die Menschen, die Hilfe suchen, haben zu viel Angst, und diejenigen, die Hilfe leisten wollen, werden selbst bedroht.

STANDARD: Gilt das für internationale wie auch lokale Ärzte?

Oberreit: Das gilt leider für alle. Das staatliche Krankenhaus Salmaniya, in dem viele verwundete Demonstranten behandelt werden, wurde von der bahrainischen Regierung zum legitimen militärischen Ziel erklärt, weil es als "Hochburg der Opposition" betrachtet wird. Jetzt ist es fast leer.

STANDARD: Sind Patienten aus Krankenhäusern verschwunden?

Oberreit: Uns wurde berichtet, dass einzelne Personen ganz gezielt rausgepickt wurden von der Polizei oder dem Geheimdienst. Einige wurden geschlagen und misshandelt. Das führte dazu, dass einige aus dem Krankenhaus geflohen sind. Das ist absurd, dass Schwerverletzte aus der Einrichtung flüchten, von der sie eigentlich Hilfe erwarten.

STANDARD: Nach welchen Kriterien werden die Menschen rausgepickt?

Oberreit: Ihre Verletzungen geben Aufschluss, ob sie Oppositionelle sind oder nicht. Und zwar aus dem Grund, dass die Polizei mit Schrotgewehren auf die Demonstranten schießt. Wenn jemand also mit vielen kleinen Einschusslöchern von den Schrotkugeln eingeliefert wird, ist klar, dass die Person bei den Protestmärschen verwundet wurde.

STANDARD: Können die Ärzte momentan überhaupt behandeln?

Oberreit: Direkte Hilfe wurde uns untersagt. Auch die Forderung, dass unsere Teams die Patienten zu den Gesundheitseinrichtungen begleiten, um sicherzustellen, dass sie behandelt und nicht verhaftet werden, wurde bisher ignoriert.

STANDARD: Hat die Präsenz der saudischen Truppen etwas verändert?

Oberreit:Ihre Anwesenheit hat jedenfalls nicht dazu beigetragen, die Bedeutung der medizinischen Versorgung wieder herzustellen. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2011)

  • Jérôme Oberreit (43) arbeitet seit 1995 für Ärzte ohne Grenzen 
und ist internationaler Einsatzleiter der Organisation in Brüssel.
    foto: standard

    Jérôme Oberreit (43) arbeitet seit 1995 für Ärzte ohne Grenzen und ist internationaler Einsatzleiter der Organisation in Brüssel.

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