"Ich bin ruhig, behaupte ich unruhig"

8. April 2011, 17:33

Die demnächst zur Beschlussfassung gelangende Verfassungsänderung in Ungarn verstört Péter Esterházy

Der weltbekannte Autor im Gespräch mit Ronald Pohl über Ungeist und Sprache.

STANDARD: Im ungarischen Parlament gelangt demnächst ein Verfassungsentwurf zur Abstimmung, dessen Präambel eine Festschreibung des nationalen Wesenskerns enthält. Bedeutet diese Verfassungsänderung tatsächlich eine Umwälzung für Ihr Land?

Esterházy: Man hört und sieht diese Sachen und versucht dann, für sich Folgerungen zu ziehen, was für uns Ungarn nicht sehr leicht ist, weil wir zurzeit in einer Atmosphäre leben, in der wir kein Vertrauen haben. Niemand schenkt irgendjemandem Vertrauen. Und wenn man kein Vertrauen hat, begrenzt man sich natürlich auch selbst. Diese Präambel, ich meine das in erster Linie stilistisch, ist einfach lächerlich! Es ist eine aufgepumpte, leere ...

STANDARD: Berühren wir mit ihr das Feld der Gebrauchspoesie?

Esterházy: Ich würde in keiner Zeitung publizieren wollen, in der auch dieser Text publiziert ist. Aber diese ganzen Selbstdefinitionen, "Was ist ein Ungar?", die haben natürlich Gründe. Jeder Staat, der mit seiner Selbstdefinition Probleme hat, versucht ihr nachzugehen. Aber was einen Ungarn ausmacht, ist eine urungarische Frage. Ich habe immer behauptet, sie hätte in England oder in Frankreich keinen Sinn.

STANDARD: Die Frage an sich wäre legitim?

Esterházy: Wenn etwas ein Problem ist, dann ist das ein Problem. Das hat wieder eine sprachliche Ebene. Wir befinden uns in einem Post-Political-Correctness-Status, aber Ungarn, und mit ihm alle ost- und mitteleuropäischen Staaten, verharrt in einem prä-PC-sprachlichen Status. Manche Sätze dieses Verfassungsentwurfes sind tatsächlich grob, aber vielleicht nicht so grob, wie es wirkt. Niemand versteht bei uns, weshalb es das Hin und Her mit den Sinti und Roma gibt, weshalb wir nicht "Zigeuner" sagen, wenn die einerseits Zigeuner sind, andererseits sie selbst sich Zigeuner nennen. Oder was ist das Problem mit den Negern? "Ich sehe, dass es ein Neger ist, du siehst, dass es ein Neger ist, ein ehrlicher Ungar sagt: ein Neger." Gesellschaftlich wurde nicht darüber nachgedacht, warum die Political Correctness gekommen ist.

STANDARD: Welche Auswirkungen zeitigt die Selbstbegrenzung?

Esterházy: Sie bildet das sprachliche Umfeld, in dem ein Text wie die Präambel entsteht. Die ungarischen Ohren sind für manche Sätze unempfindlich, wir haben das nicht gelernt, das mag ein Fehler sein, aber es ist so. Die Präambel übrigens ist meiner Ansicht nach nicht zu verteidigen - und sie ist ungenau. In ihr werden die Begriffe Nation und Staat durcheinandergeworfen. Es findet eine Gesichtspunktsänderung statt: Die Hauptrechte zielen nicht auf eine Stärkung des Subjekts, sondern das Subjekt soll auch noch etwas leisten. Ich kann nicht beurteilen, ob die Macher wissen, wie radikal unzeitgemäß das ist.

STANDARD: Wie klingt die von den Konservativen verwendete Sprache in Ihren Ohren?

Esterházy: Was ich höre, ist nicht altmodisch, sondern alt, staubig. Das hat mit Tradition nichts zu tun, so ist das nur eine Farce. In dieser Farce bekomme ich vielleicht meine Schlösser zurück! Ich verstehe das nicht, diese Menschen sind 40, 50 Jahre alt, und mein Ururgroßvater würde nicht so sprechen! "Wir stehen allein im Gewitter Europas, und Europa ist undankbar." Bedient werden die üblichen Opfermythen. Wir können doch nicht, wenn wir die EU-Präsidentschaft innehaben, vom Diktat von Brüssel sprechen! Brüssel sind wir alle.

STANDARD: Die Ursache?

Esterházy: Alles, was hier in zwanzig Jahren passiert ist, ist sehr schnell, zu schnell passiert. Die Geschichte ist zu schnell. Wir genießen nicht die Demokratie. Wir haben für die Freiheit nicht gekämpft, sie ist uns einfach in den Schoß gefallen. Und dann, ein paar Jahre später, waren wir schon in der EU und haben Kompetenzen abgegeben. Das ist nicht so einfach. Wie im Westen über die politischen Veränderungen in Ungarn geschrieben wird, ist manchmal haarsträubend. Wenn man "Führerstaat" sagt, beschreibt das nicht die Sache. Es ist ein sehr autoritäres Gebilde, das sich hier ausbildet, aber diese Metaphern sind einfach falsch. Stilistisch gesehen kommt vieles aus der Kàdar-Zeit, auch die Selbstzensur, die ist zum Kotzen. Durch das neue, verschärfte Mediengesetz ist bis heute nichts geschehen. Es besteht nur die Möglichkeit, dass eingegriffen werden könnte. Es kann doch nicht sein, dass nach zwanzig Jahren Freiheit ein Regierungsangestellter erklärt, wer anständig schreibt, muss keine Angst haben! Jemand aus dem Ministerium soll mich nicht beruhigen! Ich bin doch ruhig!, behaupte ich sehr unruhig.

STANDARD: Hat Ungarn nicht schon genug Erfahrungen mit Zensur und Selbstzensur gemacht?

Esterházy: Bei der Selbstzensur gibt es nur Verlierer. Selbstzensur gleicht allem Anschein nach einem edlen Ritter, mit dem man fechten kann, und wenn man begabt ist und anständig, dann gewinnt man. Aber das ist nicht so. Selbstzensur ist wie geschmolzener Schnee, der in deinen Körper einsickert, da im Genick. 1956, das war wie ein nasser Hund, der sich schüttelt: Er schüttelte das System von sich ab - später aber wusste man nicht mehr, wo endet der Hund und wo beginnt das Wasser. Manche Erscheinungen erinnern eindeutig an 1949, auch diese Ausdrücke wie Staatsfeinde oder Verräter, wortwörtlich: "innere und äußere Feinde", die kenne man zur Genüge. Die erwähnten Erscheinungen bilden ein System aus, dessen Geist ich für schädlich halte. Statt Gegnern Feinde, statt Gerechtigkeit Rache. Wie jemand, der noch vor kurzem ein Unterstützer der Regierung Orbán war, formulierte: unter demokratischen Umständen immer weniger Freiheit! Der Geist der neuen Verfassung weist in diese Richtung. Ich komme zu einem historischen Satz, der schon oft gesagt worden ist: Dass so etwas geschieht, hätte ich nicht geglaubt. Natürlich: Wer so einen Satz sagt, ist selber lächerlich. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 9./10. April 2011)

Péter Esterházy (60) schuf als ungarischer Adelsspross Prosa-Panoramen ("Harmonia Caelestis"), in die die ungarische Lebenswelt virtuos gewendet Eingang fand. Er stellt am Dienstag, 19 Uhr, seinen "Produktionsroman" in der Alten Schmiede in Wien vor.

Kommentar posten
19 Postings
barankai
00
10.4.2011, 19:49
unbequem

wohl recht,
kritik und tatsachen sind of unbequem oder sogar peinlich

Hr.Berth
00
13.4.2011, 09:04
Schon klar

aber deswegen brauchens auch nicht so auf den Kritiker Esterházy hinhauen.

Frodo Der Hobbit
10
10.4.2011, 16:07
das problem der heutigen selbstzensur

ist dass man inhaltliche und konstruktive kritik nicht imstande ist von provozierendem und absichtlich beleidigendem krakeelen auseinanderzuhalten und sogar das eine mit dem anderen verwechselt.
und das ziel verwechselt. denn die beleidigung ist nur als bruhaha effekt nach innen gerichtet, um die eigenen freunde zu begeistern und sich als oberkrakeeler zu rechtfertigen.

es ist steinzeitkultur, wenn man dinge nicht auf den punkt äussern kann, ohne beleidigende polemik, ohne herabwürdigung eines eigentlich notwendigen gesprächspartners der zu erst einen buckel machen muss bevor man mit ihm redet, usw.

kritik = herabwürdigung insgesamt

barankai
50
10.4.2011, 07:10
Faelschungsserie geht weiter

Dieser Typ gilt keineswegs als weltberühmt, sei es denn für die Prozessen, in denen er von Amerikanischen und Deutschen Schriftstellern wegen Diebstahl geklagt worden ist.
Ungarn hat eine 1100 Jahre alte historische Verfassung, es ist es gar nicht so einfach eine Praeambel zu fassen. Schwatzen ist es einfach.
Viel mehr Sachverstaendigkeit und Bescheidenheit, das würde dem Esterhazy wohl tun. Er kann gleich hier anfangen:
http://www.amazon.co.uk/Will-Surv... =8-1-spell
http://www.rmki.kfki.hu/~lukacs/angyar.htm
http://www.youtube.com/watch?v=aF1Q3KP3084
http://www.mvsz.hu/mtf/mtf_00.html

Sandor Kocsis
00
13.4.2011, 10:50

Kannitverstaan?

Ungarn hat eine 1100 Jahre alte Verfassung?
Die älteste Europäische, die ich kenne ist aus 1215. Und die haben noch immer ein Königshaus und ein. Soweit mir bekannt hat Ungarn keines. Daher sollte die Verfassung spätestens 1944 außer Kraft getreten sein.

Wozu überhaupt eine Präambel verfassen?
Und, wenn ja, warum in diesem Kitsch-Stil, statt einfach Tacheles zu reden, und Gesetze festzulegen, da das ja der Sinn einer Verfassung ist?

barankai
00
13.4.2011, 14:41
die 1100 Jahre alte Verfassung

Ja, dass steht gerade auf dem Prüfstand von Archeologie, Archeogenetik und Linguistik. Wohl hat es nicht im Karpat-Tal begonnen, sondern geht noch auf den Blutvertrag der Stammesführer etwa in Magna Hungaria zurück. Dies ist ganz gewöhnlich bei Asiatischen Völkern, sogar den Ureinwohnern von (Nord) Amerika. Chinesische, Japanische, Mongolische Forscher betrachten die gemeinsame Vergangenheit, Wurzeln als wissenschaftliche Selbstverstaendlichkeit. Sogar Angelsaxen nehmen diese Ansichten immer mehr und mehr an. Allerdings muss moch eingies geklaert - und übersetzt werden. Schade dass nicht-Ungarn die Ungarische Vergangenheit entdecken.

Sandor Kocsis
00
17.4.2011, 11:04

passt: die Verfassung eines archaischen Stammes aus dem Ural (vielleicht mit Leibeigenschaft?)
a) dann hat´s mit der Krone nichts zu tun
b) schon gar nicht mit Demokratie

barankai
00
17.4.2011, 22:26
Ehre den Vorfahren

Zentralasien, nicht Ural. Uebrigens der Stammesverband und die Krone hat sich wohl besser behauptet als die Habsburger, Clemanceau, die Weimarer Republik, Schussnigg, das Dritte Reich oder eben die "Ungarische Volksrepublik"... all dies im Einklang mit der Message vom Briten Sir Cartledge "The will to survive". Glücklicherweise wird er in den Laendern von "Law and order" gelesen, nicht die Agitprop-Machenschaften hierzulande.

Ewald Schubart
41
Schiff , ein vornehme Fremder in Florenz !

"Wie im Westen über die politischen Veränderungen in Ungarn geschrieben wird, ist manchmal haarsträubend. Wenn man "Führerstaat" sagt, beschreibt das nicht die Sache."
Schreibt Esterházy !!!

Ákos Mester
00
11.4.2011, 16:40
Schreibt Esterházy !!!

Ja aber er soll sich nicht mit fremden federn schmücken.

Ibsen
36
Ich liebe

Péter Esterházy!

Bagolyvár
11
12.4.2011, 12:55
Den anderen,

den Lendvai, den haben Sie auch lieb, immer die gleichen Typen, was mich nicht wundert.

Sandor Kocsis
01
13.4.2011, 10:51

De gustibus non est disputanti - oder die berühmten ungarischen Watschen.

Ibsen
00
12.4.2011, 13:36
:Ich kann nicht dafür

ich liebe kluge Typen.

Bagolyvár
10
13.4.2011, 09:09
und verlogene!

Ibsen
00
13.4.2011, 12:49
De gustibus non est disputanti!

Ennyi!

Frodo Der Hobbit
00
10.4.2011, 16:09

aber dieses "definieren", wie die präambel, wir und die, heisst auch oben und unten.
genau das ist die europäische krankheit, die auch ungarn hat, naturgemäss als erbland eines arroganten feudalsystems, das nicht spürt wie es selbst von den problemen betroffen ist, und nur gegen die noch mächtigeren motzte, als es noch offiziell etabliert war. heute sind wir die erben des verhaltens, und haben inoffiziell wenig weitergebracht.
weiss peter das? seine selbstironie ist sympathisch, aber wie weit ist er bereit bei schlussfolgerungen mitzugehen?

Ibsen
00
15.4.2011, 11:34
Es ist eine gute Frage

Es wäre sehr wichtig für das Land wenn Persönlichkeiten - wie Esterházy - nicht nur im Ausland sondern auch in ungarischen Medien ihre Meinung frei zum Ausdruck bringen würden... wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob im heutigen Ungarn nach der EU-Ratspräsidentschaft eine schärfere Kritik der Regierung auch erscheinen würde.
Im Internet aber!

Frodo Der Hobbit
00
10.4.2011, 16:21

weiters erinnerts an das paradox des spanischen königs, der offenbar heute noch erfoorderlich ist, als figur, die wegbereiter und enabler der spanischen demokratie war. eine kognitive dissonanz und ein vexierspiel das man sich erst mal reinziehen muss.

er sollte nicht notwendig sein, in keiner politik und diplomatie, seine rolle beweist die unreife, wie grün hinter den ohren die demokratische idee in europa überhaupt ist. die radikaleren demokraten wie schweiz sind eher ausgegrenzt.
dass der könig die demokratie beschützt, ist eine hintertür, ob er es so sieht oder nicht.

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