Guerilla-Kino für die lustvolle Befreiung

8. April 2011, 17:36
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Die ungestümen Filme des serbischen Regisseurs Dusan Makavejev sind Traktate gegen die Unterwerfung des Körpers und des Geists

Nun widmet ihm das Österreichische Filmmuseum eine Retrospektive.

Wien - Die Geschichte eines Films ist die Geschichte seiner Relektüren. Im Jahr 1942 gelingt es dem Schlosser und Nebenerwerbsakrobaten Dragoljub Aleksiæ den ersten serbischen Tonfilm, Unschuld ohne Schutz (Nevinost bez zastite), zu drehen. Eine an sich schon bemerkenswerte Leistung, die durch den Umstand, dass Belgrad damals von den Nazis besetzt war, noch erstaunlicher wird. Der Film, ein Melo um eine junge Frau, die mit dem falschen Mann verheiratet werden soll - sie liebt in Wahrheit den Artisten, der allerlei spektakuläre Auftritte absolviert -, wurde zum großen Erfolg, aber auch zuerst von den Besatzern zensiert und nach dem Krieg der Kollaboration bezichtigt.

Der Filmemacher Dusan Makavejev, ein Vertreter der Schwarzen Schule, der wichtigsten Erneuerungsbewegung im jugoslawischen Kino, kam 1968 auf diesen Film zurück. Unschuld ohne Schutz nennt sich auch seine Arbeit, die Aleksiæs Film eine geschichtliche Perspektive zurückerstattet. Newsreel-Aufnahmen aus der Zeit der Besetzung, rekolorierte Hervorhebungen des Originals und neu geführte Interviews mit Beteiligten - vor allem mit dem nach wie vor so gut trainierten wie bestgelaunten Aleksiæ - erweitern den ursprünglichen Film zu einem politisch-humoresken Kompendium, in dem die wechselhafte Geschichte des Landes wie eine Komödie erscheint, in der ein naiver Muskelprotz als gegen ideologische Einfärbungen immuner Held erstrahlt.

Kollision der Attraktion

Es verwundert nicht, dass der für subversive Energien stets empfängliche Philosoph Slavoj Zizek Makavejevs Unschuld ohne Schutz als einer seiner Lieblingsfilme erachtet (ein von ihm kuratiertes Screening auf einem US-Festival löste eine Art Wiederentdeckung aus). Der Film ist auch ein guter Einstieg ins Werk des 1932 geborenen Regisseurs, weil er bereits dessen Verständnis einer "Montage der Attraktionen" - frei nach Eisenstein - deutlich macht: Stilistisch diverses Material wird auf Kollisionskurs geschickt, um möglichst überraschende Sinneffekte zu herzustellen.

Der Film, der dieses Prinzip mit einer besonders freigeistigen Note versieht, ist bis heute am engsten mit Makavejev verknüpft: W. R.: Mysterien des Organismus (1971). Anfangs noch als Dokumentarfilm über Wilhelm Reichs Spuren in den USA getarnt, wo dieser andere "Unangepasste" im Gefängnis landete und starb, bricht die Arbeit immer wieder in neue Kontexte auf - von Straßentheater in New York über eine jugoslawische Kosmetikerin, die Reichs Theorien einer befreiten Sexualität für die Partei nutzbar machen will, der Überarbeitung eines Stalin-Films bis zu Live-Gipsabdrücken eines erigierten Penis. Überall findet Makavejev Anlass zur Kritik an Politiken, die die geistige und körperliche Freiheit der Menschen beschneiden - ob im lust- und kreativitätsfeindlichen Ambiente des Kommunismus oder im Warenfetischismus des Westens.

Dass er in seinen Satiren selbst aus dem Vollen schöpft, sich vor grotesken Effekten und schwarzem Humor nicht scheut, ist die schärfste Waffe dieses Regisseurs. W. R. war dann auch der Grund, warum er 1971 seine Heimat verlassen musste, weil ihm eine Gefängnisstrafe blühte. Es hielt ihn freilich nicht davon ab, weiter seine Finger auf Wunden zu legen - doch sein Widerspruchsgeist wurde vor allem honoriert, solange er in einem totalitären Land wirkte.

Dies mag der Grund sein, warum Makavejev trotz bildermächtiger Filme wie Sweet Movie (1974) im Westen weniger Anerkennung erfuhr: Die schmerzintensive Geschichte einer Beauty-Queen, die von einer Zwangsehe mit einem texanischen Millionär irgendwann auch in der Otto-Mühl-Kommune landet, ist letztlich ein Abgesang auf all jene Befreiungsideen, die sich in ihr Gegenteil verkehren. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 9./10. April 2011)

Makavejev ist bis 10. 4. im Filmmuseum zu Gast und steht für Publikumsgespräche zur Verfügung; die Schau läuft bis 4. 5.

  • Artikelbild
    foto: filmmuseum
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