Das Bild von Behinderung

Der Coach und Rollstuhlfahrer Michael Sicher bietet "Seitenwechsel" an, um sich Behinderten nicht von oben oder von unten zu nähern

Was es bedeute, behindert zu sein - das kann auch Coach und Rollstuhlfahrer Michael Sicher nach praktischen Gesichtspunkten nur schwer beantworten. So viel aber schon: Die Bilder von Behinderung machen in der Begegnung mit Nichtbehinderten entweder größer oder kleiner - zu Begegnung auf Augenhöhe kommt es selten. Überzeugt ist er, "dass noch immer zu viele Unternehmen auf qualifizierte und motivierte Mitarbeiter verzichten", weil ihnen ihre Bilder von Behinderung im Wege stehen.

Der Coach wünscht sich, dass in puncto Berufschancen alle Beteiligten ihre Anforderungen, Möglichkeiten und Bedenken auf den Tisch legen, um gemeinsame Chancen zu entdecken - allzu oft kommt es so weit aber gar nicht. Und wenn, dann sind der unausgesprochenen Fragen viele, etwa: Wie viel Leistung darf ich verlangen? Kann ich glauben, dass der einzige Niederflur-Bus davongefahren ist? Welche Hilfe soll ich wann anbieten - soll ich überhaupt die Hand hinstrecken, wenn das übliche Handschütteln offensichtlich nicht möglich ist?

In seinen Workshops "Die andere Seite" lässt Sicher die Teilnehmer seitenwechseln in den Rollstuhl und bringt so Unausgesprochenes hervor, macht sensibel für ein Anderssein. Derzeit plant er ein Projekt quasi top-down: Er lädt Vorstandschefs ein, sich einen Tag im Rollstuhl durch Wien zu bewegen. (kbau, DER STANDARD, Printaufgabe, 9./10.4.2011)

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Vorurteile

Bin IT Leiter und sitze im Rollstuhl. Leider gehts nur um Vorurteile. Nicht meine Leistung oder mein Können zählt, sondern das ich im Rollstuhl sitze. Wobei man heute ja sicherlich 90% seiner Arbeitszeit sitzend verbringt. Außerdem sind Behinderte viel engagierter im Job!!

Bin gerade auf Jobsuche - Bewerbungen werden sofort negativ beantwortet. Schreibe ich es nicht hinein, bekomme ich sofort einen Anruf und wie genial den mein Lebenslauf sei. Sage ich's dann, wird meistens herumgedrückt und dann schriftlich abgesagt.

Leider, leider läufts nur so!!! Und dann heißts Fachkräftemangel, zzzz....

Danke für diesen Kommentar! Genau diese Situationen aus der Praxis sind der Grund dafür warum ich dazu beitragen möchte etwas zu verändern.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mit mir Kontakt aufnehmen um uns diesbezüglich auszutauschen.

Liebe Grüsse

michael sicher

Behindert sein heißt nicht nur man ist blind, taub, oder man sitzt im Rollstuhl. Es gibt zahlreiche Formen der körperlichen Behinderung, die, wenn man sie nicht selber hat, nicht "erfahrbar" gemacht werden können.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wo schon die nicht behinderten kaum einen Job finden. Und eine Strafzahlung ist günstiger, als einen behinderten anzustellen, ohne zu wissen worauf sich ein Unternehmer da einläßt. Bei vielen Behinderungen lässt sich nicht langfristig planen, da kann ein behinderter langfristig ausfallen, weil wieder irgendwas ist.

Wenn man natürlich hingeht, als Bittsteller, bitte nehmen sie mich trotz XYZ Behinderung, schießt man sich selber ins aus. (Fortsetzung folgt)

Es ist wie bei "normalen" Bewerbern auch, wenn nicht klar hervorgeht, dass man trotz Behinderung einiges - wenn auch bei weitem nicht alles machen kann, und darüber hinaus noch das nämliche angibt erleichtert es die Sache beim Gespräch.

Grundsätzlich ist ein lockerer Ton, in dem die eigene Behinderung kommuniziert wird besser, als ich habe Behinderung XYZ mit der passenden Grabesmine vorgetragen. Durch den eigenen selbstbewussten Umgang und der entsprechenden Vortragsweise, erleichtert man es dem Gegenüber meist extrem, ebenso zu reagieren.

Das garantiert keinen Job, denn die Arbeitgeber schauen auch erst auf ökonomische Gesichtspunkte, nebst Ausbildung, und mögliche Krankentage. Aber es hilft, wenn auch nur dem Selbstbewußtsein. ;)

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