Portugal im siebenten Himmel

8. April 2011, 15:05
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Mit Porto, Benfica und Braga marschieren drei Klubs Richtung Halbfinale - Portos-Erfolgstrainer André Villas-Boas gerät ins Visier der europäischen Großklubs

Porto/Lissabon - Nachdem der "Falke" dreimal zugeschlagen hatte, krallte er sich den Ball - und hielt nach weiterer Beute Ausschau. "Wir haben unsere ganze Reife gezeigt und wollen in diesem Wettbewerb noch sehr weit kommen", sagte Falcao, dreimaliger Torschütze des portugiesischen Meisters FC Porto, nach dem 5:1 im Viertelfinal-Hinspiel der Europa League gegen Spartak Moskau. Wohin der Weg der "Drachen" führen soll, ist klar: Ins Finale am 18. Mai nach Dublin, wo man am liebsten die "Adler" von Benfica Lissabon rupfen würde. Benfica steht wie Porto nach dem 4:1 gegen die PSV Eindhoven ebenfalls so gut wie sicher im Halbfinale, wo man es mit dem Ligarivalen Sporting Braga (1:1 bei Dynamo Kiew) zu tun bekommen könnte. Porto trifft aller Voraussicht nach auf den FC Villarreal, der Twente Enschede beim 5:1 förmlich zerlegte.

Verarmt, verschuldet und fast bankrott - aber im Fußball im siebenten Himmel. Portugal, das finanzielle Sorgenkind der Europäischen Union, diktierte im Viertelfinale der Europa League am Donnerstagabend mit seinen drei Teams das Geschehen. Porto (5:1 über Spartak Moskau) und Benfica Lissabon (4:1 über PSV Eindhoven) stehen nach ihren klaren Hinspiel-Heimerfolgen so gut wie sicher im Halbfinale. Sporting Braga verschaffte sich mit dem 1:1 bei Dynamo Kiew ebenfalls eine gute Ausgangsposition. Die portugiesischen Siege im "kleinen Europapokal" haben dem Land für die Saison 2012/13 bereits den dritten Champions-League-Platz beschert. 

"Können wir mit Toren bezahlen?"

Entsprechend groß waren am Freitag der Jubel und der Stolz im ärmsten Land Westeuropas. "Höhenflüge", titelte die Sportzeitung "Record" in großen Lettern auf Seite eins. Das Fachblatt "O Jogo" geriet ebenfalls ins Schwärmen: "Na endlich: Dank der Ergebnisse von gestern können wir wieder träumen - nicht von Finanzhilfe, sondern von einem rein portugiesischen Endspiel in Dublin." Und das Sportblatt "A Bola" titelte eingedenk der Finanzkrise: "Europa: Können wir mit Toren bezahlen?"

Benfica-Coach Jorge Jesus sprach von einer "perfekten Nacht", warnte aber vor verfrühter Euphorie, denn im Fußball sei "ja alles möglich". Vor 60.000 Zuschauern im Estadio da Luz hatten seine Schützlinge dank Treffer der argentinischen Nationalspieler Pablo Aimar (37.), Eduardo Salvio (45., 51.) und Javier Saviola (94.) den niederländischen Vizemeister Eindhoven abgefertigt.

Portugals frisch gekürter Meister Porto ließ gegen Spartak ebenfalls nichts anbrennen. Neben Falcao trafen auch Silvestre Varela (65.) und Maicon (70.) für den Champions-League-Sieger von 1987 und 2004. Der 33-jährige Porto-Trainer André Villas-Boas, zu Hause bereits als "neuer Jose Mourinho" gefeiert, tönt: "Wir holen weitere Titel: die League und den Pokal."

Kiew war bisher das torgefährlichste Team der Europa League, gegen den Provinzclub aus Braga mussten sich die Ukrainer allerdings mit einem Remis zufriedengeben. Zu allem Übel sah der nach der Pause eingewechselte Andrej Schewtschenko in der 62. Minute die Gelb-Rote Karte. Der niederländische Schiedsrichter Bjorn Kuipers wurde danach beim Abgang von einem Fan getreten, zeigte ein Video der ukrainischen Sportnachrichten-Agentur.

"Neuer Mourinho" will anders sein

Falcao ist nun mit zehn Toren bester Goalgetter des Bewerbs. Dabei schien die Karriere des nach dem großen Brasilianer Falcão benannten kolumbianischen Nationalstürmers vor fünf Jahren schon beendet. Mit 19 Jahren erlitt er in kurzer Folge zwei Kreuzbandrisse im rechten Knie, doch Falcao biss sich zurück in die Profikarriere. 2009 stand er vor einem Wechsel zu Benfica, ehe Porto ihn dem Erzrivalen wegschnappte. 36-mal hat er in 44 Ligaspielen getroffen, halb Europa ist hinter ihm her. "Ich habe noch zwei Jahre Vertrag und würde gerne beim FC Porto bleiben", sagte er jedoch.

Ebenso begehrt wie der Toptorjäger der Europa League ist André Villas-Boas. Inter Mailand ist nur der prominenteste vieler Interessenten. Villas-Boas kam 2001 als Assistent von José Mourinho zum FC Porto und folgte ihm zum FC Chelsea und Mailand,  ehe der treue Gefährten 2009 in die Selbstständigkeit entlassen wurde. 2010 übernahm er Porto und machte Klub schon fünf Runden vor Saison-Ende zum Meister. Noch keine einzige Niederlage musste seine Mannschaft in dieser Saison hinnehmen. "Es ist mir egal, ob man mich den neuen oder den alten Mourinho nennt. Ich schätze ihn, aber ich bin anders", sagte er.

Wie sein Mentor pflegt er zu seinen Spielern ein gutes Verhältnis, in seinen Aussagen ist er aber wesentlich defensiver. "Ich möchte nicht über meine Zukunft sprechen, meine Zukunft heißt im Moment ausschließlich Porto", sagte der 33-Jährige über das Werben anderer Klubs. Die müssen sich freilich sputen: Er habe vor, nicht zu lange im Fußballgeschäft zu bleiben, betonte Villas-Boas kürzlich. Vielleicht "zehn, zwölf intensive Jahre". Irgendwann wolle er "andere Ligen ausprobieren", fügte er an: "Argentinien, Chile oder Japan." (red/sid/APA)

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    Bestens gelaunte Benfica-Anhänger im Estadio da Luz.

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    André Villas-Boas und der FC Porto sind bis dato eine unschlagbare Kombination.

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    Braga-Ultras in Kiew

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