Schimpf und Schande für Burschi

8. April 2011, 18:03
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Ein tragikomischer Dialog zwischen zwei Generationen: der Schriftsteller Hermann Broch im Briefwechsel mit seinem Sohn Armand

Rau, aber herzlich: Das wäre für den Ton, den Hermann Broch gegenüber seinem Sohn Armand anschlug, eine eher euphemistische Beschreibung. "Deine Zuckerlrabulistik ist ekelerregend. Nichtsdestoweniger werde ich mich sehr freuen, Dich Trottel wiederzusehen." Spricht so ein Vater zu seinem Sohn? In den Briefen, die Broch dem Collège-Zögling zwischen 1925 und 1928 schrieb, fand der Romancier immer neue Schimpfworte für seinen in seinen Augen faulen, vergnügungssüchtigen "Burschi". Ein "Depp" sei Armand, ein "Schwindler" und "Bluffer". Er schreibe wie "ein Schwein" und habe eine "patzweiche Einstellung". Selbstbild und Realität haben oft wenig miteinander gemein, und im Falle von Broch, der sich für einen berufenen Pädagogen hielt, müsste man sagen: gar nichts.

Der von Broch-Biograf Paul Michael Lützeler erstmals veröffentlichte und ausführlich kommentierte Briefwechsel ist das Abbild einer gescheiterten Vater-Sohn-Beziehung - der tragikomische Zusammenstoß zweier Welten und Generationen und ein wertvolles Zeitdokument. Gehörte Broch zu der vom Weltkrieg und expressionistischer Ernsthaftigkeit geprägten Generation, so sein Sohn, das einzige Kind aus Brochs gescheiterter Ehe mit Franziska de Rothermann, zu der von Aufbruch und Lebenslust bestimmten Jugend der "Goldenen Zwanziger".

Mit Werken wie der Roman- trilogie Die Schlafwandler wollte Broch die Menschheit vor "Wertzerfall" und "Kulturlosigkeit" retten, doch gelang ihm das, aus seiner Sicht, nicht einmal bei seinem Sohn. Broch belehrte Armand, dass jedes Ich die Aufgabe habe, ewige Werte zu schaffen, um so den Tod zu überwinden. Sein Sohn begeisterte sich dagegen für Autos und erbat sich postwendend ein Foto des Firmenwagens.

1924 wurde der damals 14-jährige Hermann Friedrich Broch, der sich von da an Armand nannte, ins elitäre Collège de Normandie in Clères bei Rouen geschickt mit der Aussicht, eines Tages die Spinnereifabrik der Brochs in Teesdorf bei Wien zu übernehmen. In Clères, unter den Sprösslingen des europäischen Hoch- und Geldadels, war Armand als Sohn aus mittelreicher Familie Außenseiter. Seine ständigen Bitten um neue Golfschläger oder Radios waren auch der verzweifelte Versuch, sich in dieser Welt der feinen Unterschiede Renommee zu verschaffen.

Die Situation verschärfte sich durch die Wirtschaftskrise und rapide Verarmung der Familie und wurde nicht besser, da Armand ein ums andere Mal durch das Baccaleauréat fiel. "Unter die Räder" gekommen, wie der Vater ihm im letzten der Briefe prophezeite, ist Armand indes nicht: Zwar führte Brochs Sohn, der 1994 starb, lange ein unstetes Leben in der Tourismusbranche und im Autohandel, brachte es aber später als Übersetzer zu einigem Erfolg. Eine Schicksalsgemeinschaft bildeten Vater und Sohn in den Jahren im US-Exil nach 1938. (Oliver Pfohlmann, DER STANDARD - Printausgabe, 9./10. April 2011)

  • Paul Michael Lützeler (Hg.), "Verlorener Sohn? Der Briefwechsel von 
Hermann und Armand Broch, 1925 bis 1928. € 19,90 / 196 Seiten. Suhrkamp 
Berlin 2010
    foto: suhrkamp

    Paul Michael Lützeler (Hg.), "Verlorener Sohn? Der Briefwechsel von Hermann und Armand Broch, 1925 bis 1928. € 19,90 / 196 Seiten. Suhrkamp Berlin 2010

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