Eine Lauflegende ohne Starallüren

8. April 2011, 10:50
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Haile Gebrselassie bestreitet Halbmarathon in Wien - Chef von 600 Mitarbeitern in seiner Heimat

Wien - Wo Haile Gebrselassie hinkommt, da gehören ihm die Schlagzeilen. Das Lauf-Genie aus Äthiopien macht den Vienna City Marathon (VCM) am 17. April zum viel beachteten internationalen Sportereignis. Dass der zweifache Olympiasieger am Tag vor seinem 38. Geburtstag nur die halbe Distanz bestreiten wird, tut der Euphorie keinen Abbruch. Entscheidend ist, dass er überhaupt läuft und mit Olympia-Gold 2012 in London auch noch ein großes Ziel anpeilt.

Völlig überraschend hatte Gebrselassie am 7. November 2010 nach seiner Aufgabe nach 25 Kilometern wegen Knieschmerzen beim New-York-Marathon seinen Rücktritt erklärt. Acht Tage später revidierte der Weltrekordler (2:03:59 Stunden) die Entscheidung und verkündete wenig später die Teilnahme am Tokio-Marathon im Februar 2011. Kurz vor Weihnachten präsentierte der VCM Gebrselassie als absoluten Topstar der 28. Auflage der Traditionsveranstaltung.

"Catch me, if you can" lautet die Marschroute für Gebrselassie, er soll in Wien auf der Halbmarathondistanz versuchen, die ungefähr zwei Minuten vor ihm gestarteten Marathon-Eliteläufer einzuholen. "Das ist eine gute Idee, ich bin noch nie in einem Rennen wie diesem gelaufen", meinte Gebrselassie, der eine Knieverletzung auskuriert hat. Sie zwang ihn zum Verzicht auf das Rennen in Tokio. Als der gepriesene Wunderläufer, der WM-Titel über 1.500, 3.000, 10.000 Meter und im Halbmarathon gewonnen hat, dann Mitte März erklärte, für Wien fit zu sein, atmete Veranstalter Wolfgang Konrad durch.

Ob er dann sogar mit einem Marathon-Start von Gebrselassie spekuliert habe? "Ganz ehrlich und ganz naiv gedacht, habe ich es nicht ganz ausgeschlossen. Er hatte sich auf einen Marathon vorbereitet, und wenn man sich verletzt, heißt das ja nicht, dass man die Form verliert. Ich habe mir gedacht, vielleicht kommt der Anruf, noch ein bisserl was draufzulegen und dann läuft Haile Marathon. Aber realistisch war das nicht", sagte Konrad im Gespräch mit der APA - Austria Presse Agentur.

Konrad erzählte, dass sich Gebrselassie schon überlege, mit welcher Taktik er das - doch ungewöhnliche - Rennen anlegen soll. Für die VCM-Mitarbeiter bedeutet der Auftritt des Superstars mehr Arbeit, jedoch wolle man "das absolute Highlight" auch würdigen. "Wir haben uns die Latte hoch gelegt, wir kreieren und inszenieren um Haile herum. Ich habe auch mehr Schmetterlinge im Bauch als sonst", gab Konrad zu, merkte aber auch an, dass alles andere nicht außer Acht gelassen werde. "Wir haben genauso viel Geld für die Marathon-Topathleten ausgegeben wie in den vergangenen Jahren und gehen auf den Streckenrekord los."

Haile Gebrselassie scheint ein pflegeleichter Sportler zu sein, er will im offiziellen Athletenhotel nächtigen und fürchtet sich auch nicht vor dem Spießrutenlauf zum Start. Laut Konrad bekomme er im Vorfeld einen persönlichen Betreuer und Chauffeur zur Seite gestellt, Strecken und Stadtbesichtigungen sowie "alle Wünsche" sollen erfüllt werden. "Er hat aber nach keinen Extrawürsten verlangt. So sind Ausdauersportler. Ausdauersportler haben keine Starallüren, die haben sie sich alle wegtrainiert", meinte Konrad.

Gebrselassie lebt mit seiner Frau und den vier Kindern in einer Villa auf etwa 2.600 m am Rande der Yeka-Hügel von Addis Abeba. Der Athlet wird in seinem Land als Volksheld verehrt. Er ist aber nicht nur Idol, sondern auch Geschäftsmann. 600 Mitarbeiter stehen auf seiner Lohnliste. Er besitzt ein Hotelressort am Awassa See, ein Kino, ein Fitnesscenter, betreibt eine Immobilienfirma, hat den Generalvertrieb von Hyundai in Äthiopien inne und führt zwei Schulen - eine davon in seinem Heimatort Assela, einer ärmlichen Gegend.

"Ich habe seit 1995 all mein Geld, das ich beim Laufen verdient habe, investiert und will hier in meinem Land den Leuten neue Möglichkeiten eröffnen", erzählte Gebrselassie, der immer noch jenen Mercedes lenkt, den er 1993 bei seinem ersten WM-Titel in Stuttgart gewonnen hat. (APA)

 

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    Haile Gebrselassie schaut sich Wien schon mal in Buchform an.

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