Jetzt heißt es wieder tapfer sein

7. April 2011, 17:07
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Selbst wenn Paul Simon über eine Welt singt, die in Flammen steht, trifft er stets den einen guten, sanften Ton - Mit den zehn Songs auf "So Beautiful Or So What" kehrt der US-Songwriter nach "Graceland" zurück

Wien - Paul Simons Songwriting zählt zu jenen Künsten, die man gemeinhin unterschätzt. Weil seine Lieder einen das ganze Leben begleiten, immer "around" sind, die Generationen im Konsens einen. Aus diversen goldenen und immergrünen Radioformaten schleichen sich seine Songs ins Ohr. Sie sind aus jenem Stoff gemacht, wie man ihn im Auto zu ertragen bereit ist: eingängig, zeitlos, nicht zu aufdringlich, nicht zu unauffällig. Sie sind mit Hooklines ausgestattet, die man nicht mehr zu vergessen in der Lage ist.

Seit dem internationalen Durchbruch mit Partner Art Garfunkel im Jahr 1965, mit dem ersten Welthit The Sound Of Silence und zwei, drei Handvoll weiterer manchmal auch nur scheinbar sanftmütiger Popklassiker, geht das so. Als aus der damals prosperierenden New Yorker Folkszene kommendes Duo Simon and Garfunkel arbeitete Simon als Kopf und Komponist des ungleichen Gespanns an dem, was Kollege Leonard Cohen später als "Tower of Song" beschwören sollte.

Mit Stücken wie Bridge Over Troubled Water, The Boxer oder dem popkulturellen Flächenbrand des aus der peruanischen Folklore geborgten und mit neuem Text versehenen El Condor Pasa (If I Could) oder Mrs. Robinson lieferte er bis 1970 feinste Ware.

Simon and Garfunkel stellten den menschenfreundlichen Soundtrack gerade auch für jene bildungsnahen Schichten, die künstlerischen Anspruch und Gassenhauer gern vereint sahen und sich von den kreativen Bocksprüngen eines Bob Dylan verunsichert zeigten. Der Grundton war von Melancholie, einer Lebenshaltung des wehmütigen Bedauerns gekennzeichnet. Immer drang aus diesen Liedern die versteckte Botschaft: Jetzt heißt es tapfer sein.

"Graceland" als Blaupause

In seiner späteren, nicht minder erfolgreichen Solokarriere (One Trick Pony, 50 Ways To Leave Your Lover, Slip Slidin' Away ...) öffnete sich der immer nur mit den besten Musikern und Studio-Cracks arbeitende Paul Simon bald für diverse Spielarten der Weltmusik. Vor allem die polyrhythmischen afrikanischen Musiken (als Ursprung jeder Popmoderne) hatten es Simon angetan. Das meisterliche Album Graceland von 1987, aufgenommen mit südafrikanischen Musikern und damals in Apartheidzeiten heftig umstritten, gilt längst als Blaupause für sämtliche Versuche, Erste und Dritte Welt zumindest künstlerisch zu verschränken. Heutige junge Bands wie etwa Vampire Weekend aus New York wären ohne Simons Vorarbeiten gar nicht vorstellbar.

Die 1990er- und Nullerjahre meinten es nicht so gut mit dem knapp 70-jährigen. Simon musste einen bombastischen Musical-Misserfolg am Broadway hinnehmen. Es folgten etwas unentschiedene weitere Soloalben sowie eine sicher nicht ihrer engen Freundschaft zu verdankende Welttournee von Simon and Garfunkel.

Paul Simon veröffentlicht am Freitag  sein im Vorfeld pflichtschuldig abgefeiertes Album So Beautiful or So What. Es heißt, es handle sich dabei um seine beste Arbeit seit Graceland. Und tatsächlich klingen die zehn darauf enthaltenen Lieder kräftiger und bestimmter als zuletzt. Es werden geografische Zuordnungen von Musikstilen zwischen George Gershwin, Folk und afrikanischem Hi-Life oder Mali-Blues wieder souverän übersprungen.

Das alte Problem bei Paul Simon: Mit dieser sanften Stimme kann der Mann etwa im durchaus gallig zu lesenden Love Is Eternal Sacred Light über Terrorismus und Selbstmordkommandos singen, es wird immer nett, hübsch und harmlos klingen. Mit The Afterlife, dem Gospel Getting Ready For Christmas Day oder Dazzling Blue sind Paul Simon allerdings tatsächlich wieder zu Herzen gehende Songs geglückt. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2011)


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