Wunderpillen für mehr Moral

15. April 2011, 15:02
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Britische Wissenschaftler diskutieren über Medikamente, die auf die Moral von Menschen einwirken - Gefahr oder Segen für die Menschheit?

Medikamente sind eigentlich dazu da, Krankheiten zu heilen oder zu verhindern. In Zukunft könnten sie auch eingesetzt werden, um auf die Moral von Menschen einzuwirken. Das berichtete der britische Guardian unlängst. Die Forschung darüber stecke zwar noch in den Kinderschuhen, werde aber mehr und mehr zum Thema. Es gebe bereits Studien die zeigen, dass bestimmte Medikamente das moralische Verhalten beeinflussen, indem sie die Fähigkeit für Empathie und Gruppenzugehörigkeit steigern und die Aggressionen senken.

Science Fiction?

Auch das im März erschienene Buch "Enhancing Human Capacities" dreier britischer Wissenschaftler beschäftigt sich in einem Kapitel mit der Besserung von Moral durch Medikamente. Heute mag man zwar noch an Science Fiction denken, wenn man hört, dass es vielleicht einmal eine Therapie gegen rassistische Gedanken oder eine Pille zur Steigerung der Moral geben wird. Die Gesellschaft sollte sich aber auf solche Szenarien vorbereiten, schreiben die Buchautoren.

Schon jetzt gibt es Medikamente, die moralisches Denken und Verhalten von Patienten ändern können. So zum Beispiel das Antidepressivum Prozac, auch unter dem Namen Fluctin bekannt. Das Medikament hebt die Stimmung, indem es in den Stoffwechsel des "Glücksbotenstoffs" Serotonin eingreift. Weil Aggression und Verbitterung gegen die Umwelt sinken könnte man sagen, dass es Menschen gefälliger macht.

Globale Problemlösung

Wissenschaftler sagen für die Zukunft weitere manipulative Wirkungen von Medikamenten voraus. Guy Kahane, der stellvertretende Direktor des Zentrums für Neuroethik der Universität Oxford und Mit-Herausgeber des Buches, glaubt sogar, dass solche "Moral-Medikamente" bei entsprechender Verbreitung dabei helfen könnten, globale Probleme zu bewältigen. "Es liegt nicht in unserer Natur, die Notlagen jener zu verstehen, die auf der anderen Seite der Erde oder erst nach unserer Zeit leben", sagt er dem Guardian. "Diese neue Form von Medikamenten könnte Gefühle globaler Zusammengehörigkeit und Empathie für zukünftige Generationen ermöglichen."

Negative Beeinflussung möglich

Ein anderer britischer Wissenschaftler, Ruud ter Meulen von der Universität Bristol, ebenfalls Mit-Herausgeber des Buches, warnt: Derartige Medikamente könnten die Moral nicht nur positiv, sondern auch negativ beeinflussen. Ein Beispiel: Das Peptidhormon Oxytocin wirke zwar so auf Menschen, dass sie anderen vertrauen und mit ihnen kooperieren. Das gelte jedoch nur für Mitglieder innerhalb einer sozialen Gruppe. Gegenüber Außenstehenden würde die Empathie hingegen reduziert.

Das sagen österreichische Wissenschaftler dazu

derStandard.at hat bei zwei heimischen Wissenschaftlern, die sich mit Ethik befassen, nachgefragt. Sie zeigen sich skeptisch. "Ich halte wenig davon", sagt Evolutions-Biologe und -Ethiker Franz Wuketits. "Wenn man Menschen durch Medikamente moralisch beeinflusst, profitiert davon einzig die Pharmaindustrie."

Peter Kampits, Leiter des Instituts für Ethik und Wissenschaft im Dialog der Universität Wien sowie Mitglied der Bioethik-Kommission der Bundesregierung, steht solchen Szenarien zwiespältig gegenüber: Einerseits sei es zwar Tradition, Menschen durch Medikamente zu manipulieren und beeinflussen. "Das ist im Falle von Erkrankungen durchaus zu unterstreichen. Im Sinne von moralischer Beeinflussung erinnert mich das aber an George Orwell und seinen Roman 1984. Da bin ich skeptisch, das halte ich für sehr gefährlich." Außerdem stelle sich die Frage, wer über die Einnahme solcher Medikamente entscheidet. (derStandard.at, 15.04.2011)

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    Medikamente könnten die Moral sowohl positiv als auch negativ beeinflussen, so britische Wissenschaftler. Was sich wie Science Fiction anhöre, sei bereits Forschungsthema.

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