B wie Breuer

7. April 2011, 17:26
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Als Designer von Stahlrohrmöbeln ist Marcel Breuer bis heute berühmt. Eine Ausstellung im Hofmobiliendepot würdigt auch den Architekten

Michael Freund war dort.

Wie ist Marcel Breuer auf die Idee mit den Stahlrohrmöbeln gekommen? Er selber erzählte gerne, es sei ihm beim Fahrradfahren eingefallen, als er seinen Lenker sah und sich dachte, das wäre doch das Richtige für einen Stuhl. Beim Flugzeughersteller Junkers habe er sich von den Pilotsitzen inspirieren lassen, Mannesmann habe ihm ein paar Rohre zum Basteln geschickt, und fertig war ein Sessel, der Designgeschichte schreiben sollte.

Der "B3" in seiner Erstfassung von 1925 ist eines der Glanzstücke der laufenden Ausstellung im Wiener Hofmobiliendepot, die dem ungarischen Designer und Architekten gewidmet ist. B stand für Breuer, und es war das dritte Produkt, das er in der mit seinem Landsmann Kálmán Lengyel gegründeten Firma Standard-Möbel erzeugte und vertrieb. Bekannt und zur Ikone wurde es viele Jahre später unter dem Namen "Wassily" (siehe Bild links).

Kurz danach folgte der ebenso stilbildende und noch öfter kopierte "Freischwinger" B33. Hocker, Teetische, Abstelltischchen kamen ins Programm, alle aus Stahl bzw. später aus Aluminium, immer eleganter und einfacher konstruiert, und alle trugen sie zum Ruf ihres Konstrukteurs bei.

Er war eines der Wunderkinder des Bauhauses. Noch nicht 20-jährig kam der 1902 in Pécs geborene Marcel Lajos Breuer nach Weimar, absolvierte eine Tischlerlehre, wurde mit 21 Leiter der Möbelwerkstatt. Er richtete Wohnungen ein, unter anderem für die Familie des Regisseurs Erwin Piscator, und ganze Mustersiedlungen. Auch mit Sperrholz experimentierte er, wieder wurden es Freischwinger, ähnlich aufwändig wie die ausladendsten Thonet-Schaukelstühle.

Seine Meublage ist sprichwörtlich geworden. Doch Mathias Remmele, dem Kurator der Ausstellung, war es wichtig, einen heute viel weniger bekannten Strang in Breuers Karriere in Erinnerung zu rufen: "In Europa kennt man ihn vor allem als Möbeldesigner", sagt der Berliner Ausstellungsmacher, "doch seine zweite Berufung war die Architektur - da hat er in Amerika entscheidende Spuren hinterlassen."

Das war zwar schon im Bauhaus angelegt: Mit Walter Gropius hatte er dort gearbeitet, sich mit ihm selbstständig gemacht, in Deutschland und der Schweiz erste größere Bauaufträge angenommen. Aber erst nach der Emigration in die USA verlegte er sich ganz auf architektonische Entwürfe.

In Cambridge, Massachusetts, wo er auf Vermittlung seines Mentors Gropius an der Harvard Universität unterrichtete, gründeten die beiden 1937 sogar ein gemeinsames Architekturbüro, das allerdings nach vier Jahren aufgelöst wurde. In der Folge entwarf Breuer Bauten aller Größenordnungen, von Landvillen in vielen US-Staaten bis zum Whitney-Museum in New York, Verwaltungsbauten und mehrere große Kirchen.

Gemeinsam ist ihnen, so Remmele, die unverhüllte Betonung des Konstruktiven, oft in Sichtbeton, "die kristalline Form". Als typischer Vertreter der Moderne (der übrigens fast bis zu seinem Tod 1981 auch in Frankreich einiges entwarf: das Unesco-Hauptquartier in Paris etwa, eine Trabantenstadt, einen Ferienort) hatte Breuer für verspielte Heimeligkeiten wenig übrig. Das mag der Grund dafür sein, dass er als Architekt unter seinen Kollegen fast in Vergessenheit geraten ist - so sehr, dass es fast schon wieder an der Zeit ist, ihn neu zu entdecken.

Die Schau - "Design und Architektur" im Untertitel - will dabei helfen. Modelle und Bilder in ihrem zweiten Teil führen vor, wie sehr sich Breuer treu geblieben ist. Nicht nur, dass der B33 von 1928 bestens in das Haus der Gellers auf Long Island 1969 passt. Auch in konstruktiven Details finden sich Entsprechungen: "Die liegenden Rechtecke!" sagt Remmele mit Hochachtung, also Flachtische und Bücherregale für Piscators ebenso wie die Seitenansicht des Hooper-Hauses: Großzügigkeit und Einfachheit vereint - eine Ausstellung, in die man am liebsten einziehen würde.    (DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2011)

  • Marcel Breuer um 1950
    foto: hofmobiliendepot

    Marcel Breuer um 1950

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